postiques

Ab die Post, und zwar von postiques zum retraceblog.

Posted in Sonstiges, Sowjetunion by Ben on Dezember 20, 2015

Im Gegensatz zur Symbolkraft von Hammer und Zirkel hat sich allen Untergangsvorhersagen zum Trotz die Idee des gegenständlichen Postverkehrs keinesfalls erledigt. Das führt bisweilen zu eigenartigen Geschäftsmodellen, wie dem digitalen Handschriftendienst der Firma Bond, über den die New York Times unlängst berichtete (Eilene Zimmermann: A Handwritten Card, Signed and Sealed by the Latest Technology. nytimes.com, 16.12.2015). Die Briefkästen werden also nach wie vor und gerade zu den Jahreswenden befüllt.

Darüber hinaus bleiben unüberschaubare Massen an postalischen Botenstoffen einer anderen Zeit, nämlich des 20. Jahrhunderts, die auf Flohmärkten, in verbliebenen Briefmarkenfachgeschäften, über Internetauktionshäuser und ganz reguläre Versandhändler mit Amazon-Shop meist ungezielt, aber dafür preisgünstig verfügbar sind und aus verschiedenen Gründen einer annotierten Ausgrabung im Web – und sei es nur zur Dokumentation dieser Ephemera – geeignet sind. Man kann Briefmarken und Poststücke aus diversen Blickwinkel betrachten und beforschen. Im Januar 2016 gibt es beispielsweise eine sehr seriös anmutende Tagung „Philatelie als Kulturwissenschaft“ des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Ästhetische, motivanalytische, kommunikationsgeschichtliche Deutungsansätze sind genauso denkbar, wie auch die grundsätzliche Faszination am Objekt.

Da die Suche nach bibliophilatelistischen und bibliophilokartischen Objekte zwangsläufig das Aufkommen anderer nicht minder faszinierender, mitunter sogar noch faszinierender Stücke mit sich bringt, wurde vor einigen Jahren dieses Weblog namens postiques begründet. Seit fünf Jahren liegt es allerdings brach und es stellt sich die Frage, inwieweit eine Reaktivierung lohnt. Ein Tumblr-Strom namens postpaper folgt einem ähnlichen Ziel, allerdings mehr registrierend als annotierend. Der Weg, der die Idee einer auf Liebhaberschaft gründenden und zwangslosen Auseinandersetzung mit Briefmarken, Postkarten, Umschlägen und ähnlichen Übersehbarkeiten weiterführen soll, wird nun ein dritter sein: Das Anliegen dieser Seite wird in ein Gemeinschaftsblog integriert, dass größere thematische Spielräume zulässt und das durch seine Frische auch neu motiviert, hin und wieder eines der zahllosen Poststückchen aus einem der Kartons zu nehmen und ein wenig daran zu reflektieren. So lässt sich erstaunt erkennen, dass dank des eigensinnigen Verlaufens von Geschichte der Ersttag dieser Gedenkbriefmarke zum 47sten Jahrestag der Oktoberrevolution mit dem Tag zusammenfällt, an dem Nikita Chruschtschow gestürzt wurde. Am Führerprinzip hielt, das sich nur zu deutlich in der rotbeflaggten Illustration auf dem Erstagskuvert zeigt, hielt man in der Sowjetunion umso nachhaltiger fest und das putinistische Russland unserer Tage zeigt, dass die Attraktivität solcher Regierungsmodelle (abzüglich der Ideale der Oktoberrevolution) keinesfalls ein zu Tode dekonstruiertes Ding des 20. Jahrhunderts ist. Leider. Immerhin sind Hammer, Sichel, Ähre und Waffe in dieser Kombination vermutlich nicht mehr mehrheitsfähige Insignien. 

Umschlag Sovietunion 1964

Ersttagsumschlag Sowjetunion 14.10.1964

Dennoch bleibt die Einsicht, dass Anachronismen sehr häufig wieder weiterleben und -blühen, sei es nun als Modell des Personenkults oder im Form der Briefpost und ihrer Aura. Letzteres wird hoffentlich häufiger als das Erstgenannte im retraceblog seine Thematisierung finden. Damit wird dieses Blog auf absehbare Zeit geschlossen, was aber nicht davon abhalten soll, bei Bedarf doch noch einmal in dem einen oder anderen Posting nachzublättern.

(Ben Kaden, Berlin, 20.12.2015)

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Don’t dream, make over: Die New York Times sieht das Kommunikationsmedium „E-Mail“ sterben.

Posted in Kommunikationstheorie by Ben on Dezember 21, 2010

“They still use AOL,” she says, implying with her tone that she finds this totally gross.

Wird die E-Mail möglicherweise zur Compact Disc der schriftlichen Kommunikation? Während die Briefträger, wenn auch im Vergleich zu prädigitalen Zeiten reduziert, aber dank der Zusammenlegung der Zustellbereiche umso schwerer ächzend, über Schnee und Eis mit Brief und Karte zu den Einwurfschlitzen eilen und sich die einen oder anderen Empfänger dieser Botschaften möglicherweise gar am pechschwarzen Rund gepresster Audiophilie erfreuen, fällt der e-mailierte Nachrichtenaustausch zu Weihnachten nicht nur karger aus als sonst, sondern auch generell weniger ins Gewicht. Jedenfalls dann, wenn man einem Beitrag der heutigen Ausgabe der New York Times glauben mag (Matt Ritchel: E-Mail Gets an Instant Makeover, 20.12.2010). Die Echtzeitkommunikation aus Facebook, Skype und anderen Strukturelementen der Interaktion des Jahres 2010 schiebt danach besonders bei den seit den 1990ern kommunikationell Sozialisierten das Medium E-Post auf ein verschneites Abstellgleis:

„The problem with e-mail, young people say, is that it involves a boringly long process of signing into an account, typing out a subject line and then sending a message that might not be received or answered for hours. And sign-offs like “sincerely” — seriously?“

Jeder Mouse-Klick zählt und wo man die E-Mail aufgrund ihrer papierlosen Leichtigkeit (kein klecksender Füllfederhalter, keine vergebene Suche nach einer passenden Briefmarke, kein Termindruck durch Leerungszeiten und kein langes Warten auf die Zustellung) rühmte, sieht man jetzt einen Ballast, der aus dem Heißluftballon des täglichen Nachrichtenaustausches geworfen wird. Was allerdings zu selten bei Betrachtungen zur Konkurrenz der Kommunikationsmittel Beachtung findet, ist der Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Texten. Denn liest man den echtzeitlichen Nachrichtenaustausch eher als Fortsetzung des Gesprächs über das Telefonat und die SMS hin zum Facebook-Chat, dann erkennt man, dass die Art der Botschaften eine ganz andere ist. Verschriftlichte Oralität lautet der Begriff. Man schreibt sich, was man sich sagen würde, wenn die Situation dies hergäbe.

Dass die Digitalität eine Zunahme dessen mit sich bringt, was James E. Katz von der Rutgers-Universität im Beitrag der New York Times als „social intensity“ bezeichnet, ist, wie mir scheint, eine Mischung aus allgemeinem Ausdrucksbedürfnis und den Werkzeugen der digitalen sozialen Netzwerke, die in gewisser Weise das Erbe der Bürokratie in unser privates Miteinander importieren. Facebook ist deswegen so erfolgreich, weil wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Art virtuellen und allseits (per Internetzugang) verfügbaren Kartei mit uns tragen und jede Kommunikation über diese Plattform auch direkt in ihr verzeichnet wird. Die Verwaltungstechnologie erweist sich dabei zugleich als erstklassige Repräsentationsoberfläche für das, was man gern als „Soziales Kapital“ bezeichnet – vom Geschmacksurteil bis zur persönlichen (Partnerschaft) und institutionellen (Firma) Anbindung.

Facebook ist als Werkzeug zum explizierten Identitätsmanagement erfolgreich. Die Möglichkeit, aus den Akten der Selbstverwaltung direkt zu kommunizieren (und sich in die Akten der Anderen einzuschreiben), ist sowohl ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit wie auch ein hervoragendes Merkmal der Kundenbindung. Die Urangst des Menschen ist der Ausschluß aus der Gesellschaft der dann Anderen. Der Blick auf das eigene, wohlgestaltete und rege aufgerufene Facebook-Profil signalisiert die Integration.

Als Puderzucker über der Belgischen Waffel vermeintlich zeitgemäßer Kommunikation streut sich das iDeologische der technischen Innovation bzw. schlicht: des Neuen, die bei genauerer Sicht wie jede Art von Trend das Bedürfnis nach Normsetzung oder Normbefolgung bedient. Das Frische mag nicht richtig sein, ist aber immerhin fruchtbar und unbelastet. Auch hier entschlüpft die Sehnsucht nach Ballastfreiheit den Kokons der schwergewichtigen Komplexität spätmoderner Lebenswelten. Wenn man die konkreten Werte und Praxen der Alten per se als überholt abstempelt, muss man sich nicht mit diesen befassen. Es ist immer einfacher, im Freiland des Neuen zu beginnen, als sich ins Dickicht des Althergebrachten – das obendrein auch noch von denen verteidigt wird, denen es Lebenswerk ist – hineinzukämpfen. Es ist nicht ohne Grund etwas, was man einst „Neue Welt“ nannte und was sich als permanente Ideologie des Aufbruchs darbietet, das uns europäischen Altweltlern mittlerweile kultur- und technikhegemonial eine bunte Palette an Verhaltensnormen vorgibt.

Bleibt die Frage, ob es der E-Mail ähnlich wie der CD ergeht, die nur ein digitales Zwischenstadium bis zur konsequenten Befreiung des Einzeltitels für den Populärmusikmarkt durch die mp3 war (der zu wenige plattenfüllende Konzeptarbeiten hergibt, um an der arbiträren 78 Minuten-Fixierung festzuhalten). In der Regel wandern dann alle Verwendungsarten von einem zum anderen Medium, wenn sich herausstellt, dass das erste eine nur suboptimale Umsetzung dessen zulässt, was sich der Nutzer eigentlich wünscht. Solange es aber Szenarien gibt, in denen die E-Mail als digitaler Brief sinnvoll erscheint, ist sie nicht antiquiert, nur anders.

Und solange es Menschen gibt, die gerade den greifbaren Kontrast (die „Aura“) des Berühbaren – also die der zerbrechlich schönen Schallplatte oder des immer vom Verlust bedrohten Papierbriefes – goutieren, die sich demnach am spürbar Vorübergehenden und endgültig Auslöschbaren materieller Datenträger gerade aus diesem prekären Daseins-Grund erfreuen, wird es auch aus Sicht bestimmter Anbieter auf diesen Nischenmärkten Grund genug geben, Medienformen wie das Buch, die Schallplatte oder die Postkarte zu erhalten. Der Mensch muss in seinem Leben Verlust lernen. Die Kulturindustrie dieser Couleur ist Spezialist für das Lehrmaterial.

Dass uns die Beziehung zu physischen Medien erhalten bleibt, scheint mir aus einem Grund gewiss: Entspricht das rein syntaktisch realisierte Web dem Geist, erinnern uns die Dinge an unsere Körperlichkeit und dingweltliche Medien daran, dass wir beides sind. Sie sind also abseits jeder anderen Trägerschaft Symbol unserer paradoxen Natur.

Statt eines Morgenständchens: Sonne auf dem Huckebein.

Posted in Briefmarke by Ben on Oktober 18, 2010

„Die Bosheit war sein Hauptpläsier.“

Es ist doch stark zu hoffen, dass sich die Deutsche Post nicht an dieser Quintessenz von Wilhelm Buschs Rabengeschichte inspirieren ließ, als sie bei Motivwahl für die Jugendmarken des Jahres 2007 genau auf Hans Huckbein zurückgriff.  Mitunter, wenn die Ansichtskarten und die auf ihnen befindlichen Briefmarken wieder besonders zerrupft im Briefkasten des Empfängers liegen, wittern bekanntlich so manche Philatelisten gar einen systematischen Affront gegen ihre Subkultur. Die Realisten unter denen, die Poststücke auch mal um ihrer selbst willen und nicht nur aufgrund der Botschaft lieben, wissen natürlich, dass zwar System aber nicht Affront hinter abgerissenen Eckrändern steckt. Die Philatelie ist nicht gerade der zentrale Geschäftszweig der Deutschen Post AG, sondern eine feine und halbwegs gehegte Einnahmequelle, die insgesamt aber mit dem Tagesgeschäft wenig zu tun hat. In diesem geht es darum, möglichst viele Sendungen in möglichst kurzer Zeit durch die Republik zu schleusen und dabei kann man nicht allzu zimperlich sein. Wer einmal beobachtet hat, wie der Kasten an der Ecke von einem gerade einmal kurz abbremsenden Subunternehmer ausgeleert wird, versteht die Bedeutung des Hinweises „Bitte nicht knicken!“ und zugleich, warum die Anbringung eines solchen dann zwecklos ist, wenn man die Sendung nicht zum Schaltern sondern bloß zum Einwurfschlitz bringt.

Auch die Stempelung des einzigartigen und einzigartig schönen Hans-Huckebein-Blocks sollte man, wenn man denn etwas zum mit der Wertstufe drei Euro verschicken findet, einer Fachkraft am Schalter und nicht der Stempelmaschine im zuständigen Briefzentrum überlassen. Das zeigt die Erfahrung aus mehreren Anläufen. Der wohlwissende Briefsender sorgt dabei dahingehend für solche Testläufe vor, dass er sich mit Schmuckstückchen wie diesem reichlich eindeckt. Dann kann auch mal ein Stempel daneben oder eine Sendung verlustig gehen. Ich nehme mir jedenfalls immer einen Block  mit, wenn mir einer begegnet, lasse ihn dann manchmal einfach wieder liegen und so war es mir heute vergönnt, dass ich auf dem Sekretär, an dem ich nächtens Briefe schreibe, des morgens plötzlich und unerwartet eine herbstsonniges Schattenspiel erleben durfte, dass vielleicht nicht sehr ungewöhnlich ist, den Huckebein Hans aber in eine ganz warmes Licht setzt, auf dem ich leichten Herzens durch den restlichen Montag reiten konnte. Das ist nicht wenig und mehr als dieses Gran Fröhlichkeit aus einem zufälligen Zusammentreffen zum Tagesbeginn soll dieser Text auch gar nicht transportieren:

 

Lichtpunkte bei Tagesanbruch: Hans Huckebein eilt im Sonnenschein seinem Perforationsschatten entgegen und zwar schwarzen Krähenfußes über weiße Wäsche.

 

Die Postkarte und ihr Verschwinden. Gedanken zur digitalen Kommunikation.

Posted in Kommunikationstheorie by Ben on Mai 30, 2010

Nicht selten bekommt man erzählt, dass die Ansichtskarte ein totes Medium sei. Und wer einmal versucht hat, mit einem typischen Durchschnitts-Twen in einen Briefwechsel zu treten, der sich tatsächlich auf Papier und Postweg und nicht über Kurznachricht und Facebook vollzieht, dürfte eher der obigen Aussage zustimmen müssen.

Wer die Welt permanent durch ein Macbook-Display filtert, hat wenig Anlass, für die persönliche Kommunikation zu Filzstift, Postkarte und Briefmarke zu greifen, meint man.

Während Menschen früherer Geburtsjahrgänge noch realisieren, das etwas fehlt, wenn an einem verregneten Sonntagnachmittag keinen 15 Jahre alten Liebesbriefe mehr aus einem vergessen geglaubten Buch purzeln, sondern immer nur die tagesaktuellen Streams über den HD-Screen, während die E-Mails aus den 1990ern beim letzten Endgerätewechsel verloren gegangen sind und mit ihnen auch jede textuelle Manifestation eines früheren und sehr prägenden Begehrens im Orkus der Zeit verschwand, ist die iPad-Kultur von vornherein mit einer hochglänzenden totalen Gegenwärtigkeit ausgerüstet.

Vertreter der lobenswerten These, dass Facebook ein Archiv der zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt, also eigentlich noch expliziter, recherchierbarer und beliebig abrufbarer wird, übersehen bedauerlicherweise häufig einige Aspekte:  So weiß niemand, wie zeitstabil diese Archivierung eigentlich ist, da die virtuelle Auslagerung der persönlichen Beziehungsdaten zu einem externen Dienstleister vom Wohlergehen des selbigen abhängig bleibt. Zudem ist der Aufmerksamkeitsdruck dieser sozialen Netzwerke derart hoch, dass man schon sehr viel Selbstdisziplin aufbringen und den ausdrücklichen Wunsch dazu verspüren muss, auf der Zeitleiste zurückzueilen. Kontakte sind in dieser Sphäre eigentlich nur dann von Bedeutung, wenn sie im Moment spürbar werden. Schließlich stellt die Dematerialisierung eine so genannte Kanalreduktion dar, was zur Folge hat, dass zahlreiche, individuell relevante Kontextinformationen (Handschrift, Material, liebevolle Kritzeleien am Rand des Papierbogens, aber auch Briefmarke und Poststempel) nicht mehr existieren. Im Web sind auf dieser Ebene alle Botschaften gleich.

Die virtuelle Organisation des sozialen Erlebens führt mehr oder minder in eine Art postbiografischen Zustand. Für die Beschäftigung und Dekonstruktion des eigenen Werdegangs bleibt keine Konzentration und womöglich auch kein Interesse.

Diese Kultur rauscht bezüglich ihrer Vergangenheit in eine Verfassung der A-Historie und der Gegenpol der Zukunft fixiert nur das Release-Datum des nächsten, alles umkrempelnden Werkzeugs. Es ist verblüffend, wie irrelevant Erinnerung in diesem Umfeld wird. Dagegen dominieren die Diskurse über aktuelle Werkzeuge. Diskurse über Werke und Entstehungskontexte finden sich bestenfalls in den Nischen reflektierender Wissenschaftszweige, erreichen kaum je ein Feuilleton, das selbst selten begreift, dass es den Anzeigemedien vor allem an einem zentralen Element menschlicher Kultur mangelt: an Erotik – und zwar nicht im sexuellen Sinn, sondern im Sinne einer Begegnung. Kommunikationswerkzeuge sind dann funktional sinnvoll, wenn sie solche Begegnung vorbereiten und/oder ermöglichen. Sie werden in dem Augenblick dysfunktional, wenn sie sich zwischen Begegnungen schieben.

Wer zum Treffen  in einem Café sein Anschlussgerät an die virtuelle Welt mit sich führt und bei jeder eingehenden Nachricht das Gespräch unterbricht, das Display also dem persönlichen Austausch vorzieht, bewegt sich exakt in der zweiten Dimension. In der Steigerung, der Arbeitsalltag zeigt es und im persönlichen Austausch wird dieses Verhalten dominant, wird das persönliche Gespräch als Störung der virtuellen Kommunikation angesehen und nach Möglichkeit vermieden. Direkte, zwischenmenschliche Kommunikation wird funktional gebündelt, z.B. in dem man sich gemeinsam am Abend öffentlich einem zeitlich überschaubaren und nach Möglichkeit immer einzigartigen Event aussetzt. Die ergebnisoffene, prägende zwischenmenschliche Kommunikation ist dagegen kaum mehr Bestandteil des Lebens ganzer Kohorten der Gesellschaft.

Womöglich muss dies auch nicht sein und vielleicht ist das Bedürfnis, sich eher gestalten zu lassen, als zu gestalten eine anthropologische Konstante, der Willen zum kreativen Austausch dagegen eine Anomalie, die schöne Dinge hervorbringt, die sich perfekterweise in Projekte und Produkte überführen lassen, um in den Angebotsfluß auch der virtuellen Kommunikationsräume einzufließen.

Es spricht weiterhin generell auch wenig dagegen, den Pinsel zu bestaunen und nicht nach dem Gemälde zu fragen, denn angesichts der Komplexität diese durchgängig auszuübenden Kommunikationsfestes ist es schlichtweg einfacher und inklusiver, sich über die simplen Strukturen eines handfälligen Designs auszutauschen, als über die Irritation und unterschwellige Erhabenheit abstrakter Kunstwerke. Auch die Gestaltung von Oberflächen (=Design) ist unendlich ausdifferenziert und zunehmend weit mehr als reine Vermittlung. Sie wird Inhalt der Diskurse, Gegenstand der Debatten und Objekt der Orientierung. Daraus gehen andere Normen als die der Narrative hervor. Aber eben doch Normen und wer sich hier fügt, harmoniert, wie der, der sich dereinst den großen Erzählungen fügte. Problematisch, da überkomplex, wird es eher für die Wanderer zwischen diesen Welten.

Es geht nach wie vor um Lebensführung, mit der  Nuance, dass Selbstbestimmtheit in eine Komplexität mündet, die sich in Lebenskontexten, die von andauernden Vernetzungs- , Informations- und Interpretationsaktivitäten bestimmt werden, kaum mehr von den darin aktiven Individuen bewältigen lässt.

Hier ist nichts so notwendig und ersehnt wie eine Simplifizierung. Der aktuelle Markt an Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik setzt auf diese Vereinfachung bei gleichzeitigem Ausbau von Kanälen. Ersteres, um das Bedürfnis des Menschen nach Überschaubarkeit zu addressieren. Zweiteres, um die ebenfalls im ambigen Menschsein tief verankerte Affinität für quantitativen Zuwachs (=“mehr“) zu befriedigen. Ein Produkt, was heute auf den Markt drängt, muss mehr bieten, dies jedoch einfacher. Insofern ist die Leistung der Produktgestaltung kaum unterzubewerten. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Grund, es auf ganzer Linie und mit großem Applaus begrüßen.

Denn wenn lebensstillenkende Institutionen wie Facebook oder Apple zunächst den Zugang zu und die Nutzung von elektronisch vermittelten Kommunikationsflüssen  vereinfacht haben, so erzeugen sie mittlerweile auch die Dispositive, die die Kommunikation selbst auf bestimmte einfach Formen reduzieren. Um Kommunikation in diesem Rahmen bewältigen zu können, muss sie so umfänglich wie möglich kontrolliert werden. Die gängige Form des Austausches ist das Eingabefenster. Anders als die Postkarte, lässt sich dieses so gut wie nicht in der Form missbrauchen. Digitale Kommunikationstechnologien sind mehr als alle anderen Vorgängerformen kontrollier- und vorhersehbar. Potentiell führt also die Vereinfachung im Wechselspiel mit der Auffächerung zu einer permanenten Einbeziehung des Individuums bei gleichzeitiger Überforderung. Und letztlich zu einer Verarmung der tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten für interpersonale Kommunikation. Andererseits hat die Weltgeschichte gezeigt, dass noch kein Kommunikationsmedium zureichend imprägniert war, um jeden auf es herabregnende Umgestaltungswillen abzuweisen. Unglücklicherweise werden die Einbrüche, die grundsätzlich  notwendig sind, um einer alternativfreien Totalitarisierung vorzubeugen, umso aggressiver, je aggressiver der Kontrollwillen ist.

Da das Medium auch die Botschaft bestimmt, also die Form die Funktion, wird es sehr spannend, zu sehen, wie  in diesen hochgeschlossenen Kommunikationsräumen Handlungsflächen eröffnet werden bzw. sich eröffnen, die einen gegenintentionalen und subversiven Umgang mit den funktional höchst beschränkten Werkzeugen ermöglichen.

Und inwieweit bzw. in welcher Form sich die in diesem Kommunikationsrahmen sozialisierten Menschen der dem Medium grundsätzlich innewohnenden Biografielosigkeit widersetzen und tatsächlich Lücken erkennen, in denen sie, dem permanenten Stream an Botschaften, Kontakten und Angeboten enthoben, beginnen können, einen wirklichen Selbstsinn zu entwickeln und nicht nur an sich eine grundsätzliche funktionale Anpassung an die Bedingungen eines Marktes, der mit der digitalen Kommunikationstechnologie mehr und deutlicher als je zuvor auch persönliche, zwischenmenschliche Beziehungen durchdringt, praktizieren.

Also  beispielsweise wieder beginnen, Postkarten zu schreiben und sich auf Briefwechsel einzulassen. Interessanterweise eröffnet die durch und durch mobilisierte Lebenswelt, in der Wochenendausflüge von Berlin nach New York nicht unüblich sind, eigentlich weitgreifende Möglichkeiten für eine üppige und kreative Nutzung klassischer postalischer Formen. Nur leider bleibt es oft bei einem Twitter-Tweet an alle Follower/Freunde, in dem genauso schönes Wetter im Central Park vermeldet wird, wie die Botschaft, dass derartige Abstecher  ja nun wirklich zum Standardprogramm gehören, was den Druck auf alle, die sich sozial nicht davon befreien können, erhöht.

Dass das Medium Postkarte dennoch wenigstens als Stilmittel und in einem schön post-modernen Medienmix überlebt, zeigt ein frisches Musikvideo des jungen (1988 geborenen) und angesagten kalifornischen Rappers Fashawn, der von seiner persönlichen Biografie her eher nicht zu den Digital Natives zählt. Vielleicht greift er gerade deshalb nicht wie viele andere Rapkollegen zum Techporn, also der Zurschaustellung flotter neuer Kommunikationstechnologie, sondern zur Postkarte, um die Botschaft seines Liedes zu unterstreichen:  Samsonite Man (Youtube)

Nabokov, Benjamin und Sharapova – einige philatelistische Marginalien

Posted in Literatur, Sonstiges by Ben on Dezember 9, 2009

„Most of all Martin felt sorry for the originality of the deceased, who was truly irreplaceable – his gestures, his beard, his sculpturesque wrinkles, the sudden shy smile, the jacket button that hung by a thread, and his way of licking a stamp with his entire tongue before sticking it with his fist. In a certain sense this was all of greater value than the social merits for which there existed such easy little clichés, […]“ – Vladimir Nabokov, Glory. Ausgabe Penguin Classics, 2006,  S. 117)

Vladimir Nabokovs früher Roman „Glory“ (geschrieben 1930 , Originaltitel: Подвиг, Deutsch: Die Mutprobe) ist schon für sich genommen eine Perle der Literatur. Wirklich spannend wird es jedoch, wenn man den Spuren folgt, welche die postalischen Elemente innerhalb des Romans auslegen. Die eingangs zitierte Passage fällt ein wenig aus dem Rahmen, da sie nicht die Hauptperson Martin Edelweiss per Postkarte oder Brief mit anderen Protagonisten verbindet, sondern die Beschreibung eines Dritten enthält. Im 35sten Kapitel des Buches beschreibt Nabokov Martins Sicht auf die Würdigung eines Verstorbenen im Emigrantenmilieu Berlins der 1920er Jahre. Beim Lesen des Nachrufs überkommt die Hauptfigur der Gedanke, wie eitel und nutzlos und vor allem austauschbar derartige Würdigungen sind, wie sie die eigentlichen Besonderheiten eines Menschen verfehlen und ihn stattdessen im Dienst einer Sache egalisieren. Martin beschließt daraufhin, sich jeder politischen Parteinahme zu entziehen und setzt dies schließlich in einer unglaublichen und bewunderswert nutzlosen Form um.

Abgesehen von der Erinnerung an den Briefmarken klebenden und hämmernden Iogolevich finden sich zahlreiche Erwähnungen des Abschickens, Erhaltens und Lesens von Briefen. Die faszinierenste und in der Rückschau vielleicht ergreifenste Stelle markiert der Brief, den Martin im Kapitel 18 aus Cambridge an seine Mutter sendet und mit der die Beschreibung des Briefeschreibtätigkeit Martins einsetzt – ein Bild das einen der vielen Fäden durch den Roman zieht.

„He scribbled ten lines or so […] Suddenly, in his mind, he saw the mailman walking across the snow; the snow crunched slightly, and blue footprints remained on it. He described it thus: ‚ My letter will be brought by the mailman. It is raining here.‘ He thought it over and crossed the mailman, leaving only the rain. He wrote out the address in a large and careful hand, […] He inadvertently made a blot in a corner of the envelope. He squinted at it for a long time, and finally made it into a black cat seen from the back. Mrs. Edelweiss preserved this envelope along with his letters. She would gather them into a batch at the end of each semester and tie them crosswise with a ribbon.  Several years later she had occasion to reread them. The first-semester letters were relatively abundant.  […] and her was a letter with the crossed-out but distinctly legible line ‚My letter will be brought by the mailman.‘  Mrs. Edelweiss recalled with piercing clarity how she used to walk with Henry along the scintillating road between fir trees weighted down by lumps of snow, and suddenly there was the rich tinkling of multiple bells, the postal sleigh, the letter, and she hastened to take off her gloves in order to open the envelope.“ (S. 59f.)

Galanter wurde selten in der Literaturgeschichte durch die Formulierung einer Zeile und die Beschreibung der Ankunft eines Briefes eine Handlungsstrang derart über 20 Kapitel hinweg mit einer Randbemerkung („Mehrere Jahr später..“) angedeutet. Und der klingelnd durch den Schnee einer Schweizer Bergidylle hastende Postschlitten ist zusätzlich ein wunderschönes Motiv.

Die Sehnsucht seiner Mutter reproduzierend, die in den banalen Zeilen ihres Sohnes dessen Glück abgesichert zu sehen versucht, liest Martin im Kapitel 27 die Postkarte seiner vergeblichen Liebe Sonia. Spannend ist die indirekte Vorwegnahme des gescheiterten postalischen Grußes zwei Seiten zuvor. Sonias Familie, die Emigrantenfamilie Zilanov, räumen gerade nach einem Schicksalsschlag ihren Hausstand zusammen, um nach Berlin überzusiedeln. Martin stolpert zufällig in das Geschehen und steht mehr im Weg, als dass er etwas Sinnvolles beitragen kann. Vielmehr bahnt sich eine Aussprache mit Sonia an, die von ihrem Vater gestört wird, der mit den Worten „Didn’t I say to leave my desk alone? Now the ashtray has disappeared, it had two stamps in it.“ (S.95) ins Zimmer platzt und gleich wieder verschwindet. Danach ist mit den Briefmarken im Aschenbecher das Motiv scheinbar verschwunden. Kurz darauf – in der Handlung eine Woche später – erhält Martin jedoch Post von Sonia, „a postcard with a view of the Brandenburg Gate crossed by Sonia’s spidery handwriting, which he spent a long time deciphering, trying in vain to read a hidden meaning into trivial words.“ (S.98). Selbstverständlich muss sie für die Ansichtskarte aus Deutschland eine andere Marke verwendet haben, als sie in London nötig gewesen wäre. Dennoch scheint der Leser durch die Erwähnung gerade der fehlenden Postwertzeichen vorbereitet. Wie seine Mutter in der Lektüre seiner Briefe eigentlich nichts von Belang entdecken konnte, sie aber wieder und wieder las, sucht auch Martin in der Botschaft seiner unerwidert Geliebten nach einem Inhalt, den es schlicht nicht gibt. Die zwei Marken in London mögen zufällig in das Kapitel geraten sein. Sie unterstreichen aber mindestens ein weiteres Mal die Bedeutung des Postverkehrs für die Kommunikation der Figuren in diesem Roman.

Im Kapitel 34 erhält er eine weitere Karte von Sonia. Mit dieser antwortet sie auf einen Brief, in den Martin, immer noch an die Möglichkeit einer Wechselseitigkeit der Zuneigung glaubend, augenscheinlich viel Hoffnung setzte, der aber mit der Plattheit der Replik nahezu bloßgestellt, in jedem Fall missachtet wird:

„He wrote her a letter, and stayed away for several days. She replied a week or so later with a color postcard showing a pretty boy bending over the back of a green bench on which sat a pretty girl, admiring a bouquet of roses, with a German rhyme in gilt letters at the bottom: ‚Let a true heart leave unsaid what is told by roses red.‘ On the reverse Sonia had scribbled: ‚Aren’t they sweet? That’s real courtship for you. Look, I need your assistance, three strings have snapped on my racket.‘ And not a word about the letter.“ (S.119)

Doch: Kartenmotiv, Reim und jedes Wort sind auf den Brief gerichtet. So aufrichtig Martin zu lieben glaubt, um sich später auf eine harte Form von der Zuneigung zu Sonia zu emanzipieren, so sehr demütigt sie ihn, indem sie ihn auf eine ihm unzugängliche vulgär-kitschige Romantik als Ideal stößt und im gleichen Augenblick seine Hilfe für den profanen Dienst der Reparatur eines Tennisschlägers beansprucht. Hätte sie ohne dieses Problem überhaupt auf den vermutlich herzblutligen Brief reagiert?

Eine weitere sehr schöne Stelle findet sich im Kapitel zu Martins Frankreich-Aufenthalt. Dort versuchte er ein alternatives Leben und es gelang ihm temporär. Seiner Mutter als verbliebener realer Fixpunkt seiner Existenz schreibt er aus dem Postamt eines Dorfes namens Molignac eine Postkarte, die sie anscheinend über den Aufenthalt dort informieren soll. Den genauen Inhalt verschweigt Nabokov. Er beschleunigt aber die Handlung mit einem perfekt platzierten Nachsatz: „That postcard was the first of a new little batch of letters which Mrs. Edelweiss stored in her chest of drawers: the penultimate batch.“ (S.132)

Ein letztes Mal rücken Postkarten ins Zentrum der Handlung, als Martin seine Mutprobe, die aus einem so grundlosen wie illegalen und angesichts der sowjetischen Sabotage-Paranoia hochgradig gefährlichen Übertritt über die sowjetische Grenze besteht, auszuführen beginnt. Noch einmal ist Berlin Startpunkt. Die Postkarten sind Teil einer postalischen Charade. Um seine „Mission“ geheimhalten zu können, benötigt Martin eine glaubhafte Tarngeschichte für die wenigen Menschen, die sich um ihn sorgen und damit seine Mission gefährden könnten. Besonders geht es ihm um seine Mutter. Den in Berlin wohnenden Zilanovs erzählt er, dass er in einer Fabrik arbeiten und nicht erreichbar sein wird.  Seiner Mutter schreibt er, dass er nichts zu schreiben habe und sich daher auch vorerst nicht melden wird. Interessant ist, dass ihm die Form des Mediums bei seinem Wunsch, nichts zu sagen, entgegen kommt: „Space on the postcard was limited, his handwriting was large, so he did not manage to say much.“ (S. 160) Für die kommenden Wochen schreibt Martin vier Postkarten an seine Mutter vor, die er einen guten Freund aus Cambridge im Wochenabstand einzuwerfen bittet und die ihm das von ihm angenommene Zeitpolster gewähren sollen. Dreimal wird sich Darwin, der Freund, mit widerstrebendem Gefühl daran halten:

„On Thursday morning, with a dreadful feeling that he was taking part in some evil affair, he gingerly inserted the card with the earliest date into the blue mailbox next to the hotel entrance. A week passed; he posted the second card. After that he could not stand it any longer and traveled to Riga, where he visited the British consul, the Swiss consul, the General Registry, the police, but obtained no information whatever. Martin seemed to have dissolved in the air. Darwin returned to Berlin and reluctantly mailed a third postcard.“ (S. 165)

Danach melden sich die Zilanovs, das Verschwinden wird bekannt, Martin bleibt für immer abwesend und der Leser tiefberührt zurück, die postalische Facette für einen Moment vergessend…

Neben dem Brief- und Postkartenmotiv findet sich ein bei Nabokov typisches weiteres Element in „Glory“ (und ist oben bereits durch Sonias gerissene Saiten mit einer nebensächlichen Schnittmenge zur Rolle der Postkarte angedeutet): Tennis. Das zehnte Kapitel enthält beispielsweise die grandiose Beschreibung eines Duells zwischen Martin und Bob Kitson, „a professional from Nice“, der den an sich sehr guten Spieler Martin Edelweiss letztlich mit einem gut gesetzten Lob in die Niederlage zwingt. Ein besseren Service kann die zufällige Verknüpfung, die sich in der Welt so häufig ganz überraschend einstellt, gar nicht aus dem Europa der späten 1920er Jahre in die Gegenwart schlagen.

Denn im hier und heute berichtet der London Evening Standard, dass eine andere russische Persönlichkeit, die allerdings im Gegensatz zu Nabokov tief in Sibirien geborene heutige Weltklassetennisspielerin Maria Sharapova, zauberhafterweise und seit Kindheit einer philatelistischen Ader folgt. Richtig zugetraut hätte man es der gern als tough inszenierten Hochleistungssportlerin nicht. Diese sammelt aber offensichtlich seit ihren frühen Lebensjahren Briefmarken und dies nach eigenem Bekunden besonders auf den Tennisreisen durch die Welt. Und sie hofft, was alle Sammler diese Welt insgeheim hoffen: Dass eines Tages die eigenen Kinder die Sammlung übernehmen.

Und Maria Sharapova ist für die Zeitung nur ein sehr prominentes Beispiel für einen Trend, den alle an der Philatelie Interessierten von ganzem Herzen begrüßen müssen: Die Renaissance des Briefmarkensammelns. Vermeldet der Redaktionsleiter der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) im Editorial zur aktuellen Ausgabe, dass sich die Sondermarken der Post steigender Nachfrage erfreuen und in den Jahrgängen 2003 und 2004 immerhin 2,8 Milliarden dieser Briefmarken verkauft wurden (und was nebenbei leider die gräßliche Erfindung der selbstklebenden Sondermarken aufwertet), so sieht Miranda Bryant (bzw. die Briefmarken verarbeitende Künstlerin Phillipa England) für den Evening Standard im Sammeln von Briefmarken ein adäquates, da vergleichsweise preisgünstiges, Hobby für Zeiten der Rezession. Interessant wäre dazu eine vergleichende Studie. Walter Benjamins so winzige wie legendäre medien-ästhetische Betrachtung des Mediums Briefmarke datiert immerhin auf das Jahr des Berliner Schwarzen Börsenfreitags: 1927. Allerdings endet sein Text auch mit der Feststellung, dass die Zeit der Briefmarke eine auf das zwanzigste Jahrhundert begrenzte ist. Nun denn: Sammler, Nutzer und Postverwaltungen können sich durch solch eine Prophezeiung nur provoziert fühlen und ausziehen, um Benjamins Vorhersage als Irrtum bloßzustellen.

Cuba - Tennismarke 1993

„I’ve just met a girl named Maria, And suddenly that name will never be the same“ – Diese schönen Zeilen werden Serena Williams nach dem Finale in Wimbledon 2004 nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein. Wer verliert auch schon gern gegen eine Briefmarkensammlerin. Im Jahr 1993 gewann übrigens Steffi Graf gegen Jana Novotna. Die kubanische Postverwaltung wusste davon aber im Februar noch nichts und widmete daher seine Serie mit Tennisspielern lieber abstrakt dem Davis-Cup (bzw. Copa Davis Tenis de Campo)

Ein Jahrzehnt über die angegebene Lebenserwartung hinaus ist bereits erreicht und die Obstbriefmarken, die ab 02. Januar 2010 Zuschläge für die Wohlfahrtspflege sammeln sollen, sind so gestaltet, dass sie durchaus eine Attraktion auf den allgemeinen Postkunden ausüben. Die angekündigte Aromabeimischung ist dagegen ein Jux, den man eigentlich nur der Österreichischen Post zutrauen würde.

Die Botschaft ist aber eindeutig: Die Briefmarke soll ein modernes, fröhliches und zeitgeistig-originelles Produkt mit eigenständiger ästhetischer Qualität sein. Weniger Freude wird sich dagegen die etwas konzeptionsarm zusammengewürfelt erscheinende Ruhr.2010-Collage erwerben, die ebenfalls am 02.01.2010 erscheinen soll. Die kommt dann auch nicht wie die Obstmarken aus der Bundesdruckerei, sondern wird bei einem Printdienstleister namens „Bagel“ über das Band laufen…

Der aber vielleicht spannenste Fakt des Artikels liegt in der Feststellung, dass sich der Kommunikationsraum des Internets gerade nicht als Totengräber sondern als vitalisierende Instanz für die Philatelie erweisen könnte:

„Dealers say social networking sites and online retailers have made it easier for collectors to discuss their hobby and to buy and sell.“

Aus den geschätzten 50 Millionen Sammlern weltweit könnten so schnell einige mehr werden. Ein Nebeneffekt des Eindringens der Kohorte von Nutzern Sozialer Software in die Philatelie dürfte allerdings auch ein offenerer Umgang mit dem Medium Marke sein. Die aufgeklärten Digital Natives sammeln die Objekte durchaus in dem Bewusstsein, dass selbst gut zusammengestellte Kollektionen in den meisten Fällen keinen Pfifferling, höchstens einen Bovist wert sind. Damit könnten etwas mehr Unbeschwertheit und kreativ-spielerische Ansätze in die nach wie vor eher biedere Sammlergemeinschaft einziehen. Das ist keine schlechte Sache, denn Auffächerung war schon immer die besten Überlebensstrategie. Auch für das Medium Briefmarke.

Zwischen Schockblau und Joshua: Die Postkarte als popmusikalischer Aufhänger

Posted in Ansichtskarte, Sonstiges by Ben on Oktober 20, 2009

Die vermutlich berühmteste Ansichtskartenhymne der 1990er ist sicherlich Joshua Kadisons etwas süßliches „Picture Postcards from LA“, in deren Text nicht zuletzt die Materialität des Mediums beschworen wird:

„Send me postcards from L.A./ signed with love forevermore./Picture postcards from L.A./to hang on my refrigerator door.“

Wie traurig klänge dagegen „Send me E-Mails from LA/tweets to plaster my Facebook wall/A short message that you are gay/and much too shy to make the call“ – das würde nicht einmal Weird Al stehen und der hat immerhin mit „All about the Pentiums“ eine exzellente Rechenprozessor-Kantate in die Pop-Geschichte geschmettert.  Überhaupt: Wer erinnert sich nicht noch an die frühe Telekom-Werbung: „Und das sagst Du mir so einfach am Telefon?“ – Ab fuhr das Auto am Hang hinunter zum Totalschaden. „Sylvia, Sylvia bist Du noch dran?“ Mit solch einem C-Netz-Ziegel am Ohr imponiert man heute keiner/keinem Liebsten mehr. Die Liebe und das mobile Telefon passen einfach nicht so gut zusammen.

Die Postkarte dagegen ist und bleibt charmant wie eh und je . Ein zeitloses wie perfektes Objekt, dass 1968 wie 2009 noch alle Herzen höher oder tiefer schlagen lässt, wenn es im persönlichen Briefkasten aufgefunden wird. Da denkt wirklich jemand an Dich – so die Botschaft – und tippt nicht nur beim Anstehen an der Supermarktkasse eine schnöde SMS oder tweetet ein geschmackloses HDL, das sich syntaktisch nicht mehr wesentlich von FDH unterscheidet. Nein, geht jemand zum Postschalter, verlangt nassklebende Sondermarken (gern auch mit Zuschlag) und lässt die Karte sorgsam mit dem Tagesstempel versehen. Daraufhin durchläuft der materialisierte Gruß tatsächlich unzählige Beförderungsschritte und doch meint man die warme Hand der absendenden Person zu spüren, wenn man verzückt noch neben dem offenen Briefkastentürchen über die Zeilen huscht.

Es ist also kein Wunder, dass die große niederländische Band Shocking Blue das Sujet „Postkarte und Liebe“ zu einem ihrer schmissigsten Lieder formen konnten:  „Send me a postcard“.

„Before loneliness will break my heart/Send me a postcard Darling!“ Jawohl: Zeigs mir, schicks mir! Warum die Deutsche Post hieraus keinen highspeedigen wie heißblütigen Retrowerbespot strickt, weiß nur ihre Marketingabteilung allein. Steiler kann eine Vorlage für die Verknüpfung von einem Lebensgefühl wie aus dem Berliner Mauerpark im Hochsommer und einer Postsendung kaum in Töne gefasst werden.

Für alle Nordlichter, denen aufgrund mangelnder englischer Sprachkenntnisse die Botschaft des Liedes zu verschlüsselt bleiben sollte, gibt es einerseits von einer Melissa eine finnische Coverversion (Kirjoita postikorttiin)  und – zugegeben weitaus bekannter – eine Neuaufnahme in Schwedisch. Dort heißt das Lied „Skicka Ett Vykort, Älskling“ und eingespielt wurde es von keiner geringeren Band als Gyllene Tider, deren Name jeden Anhänger von Roxette sofort in Habachtstellung bringt, spielte in dieser doch der legendäre Per Gessle eine zentrale Rolle. Niederlande, Schweden, Finnland – sind das die Heimstätten kartophiler Clubhits? Nicht ganz: Im Jahr 2003 namen sich die Liverpooler Ladytron des Songs ein weiteres Mal an und so eroberte er nach den späten 1960ern noch erneut die anglophone Welt.

Die berühmteste Postkartenzeile stammt jedoch von einer anderen, vielleicht im Vergleich zu Ladytron sogar noch etwas bekannteren Liverpooler Band: In der dritten Strophe ihres gemütlichen Renteneintrittsschunklers „When I’m Sixty-Four“ hört man mit großer Freude die Zeile „Send me a postcard, drop me a line..“ Was könnte man auch anderes erwarten von den vier Pilzköpfen, die so unnachahmlich ausriefen: „Wait a minute Mister Postman!“ Nun, im Herbst 2009, warten die Briten sehnlicher denn je auf die Briefboten, allerdings wohl vergebens. Denn die Presse vermeldet (natürlich auch über das Internet):  Großbritannien steuert in bitteren Poststreik.

Die Philatelie am Alexanderplatz: Eine Antwort der Postbank auf eine Nachfrage

Posted in Postalltag, Sonstiges by Ben on Oktober 14, 2009

Immerhin: das Beschwerdemanagement bei der Deutschen Post hat seine Glanzpunkte.  Als am 30.September 2009 der Philatelieschalter der Postfiliale am Berliner Alexanderplatz (Rathausstraße 5) wider erwarten geschlossen und  sich eine bei den aktuellen Berliner Verhältnissen im Öffentlichen Nahverkehr durchaus mühsame Anfahrt auch noch als vergebens herausstellte, ging eine entsprechende Nachfrage zu den Öffnungszeiten des Schalters über das Kontaktformular von deutschepost.de in den dortigen Beschwerdegeschäftsgang.  Heute erreichte mich dann das erklärende, konkret auf den Sachverhalt bezogene Schreiben zum Thema. Es kommt, da die Zweigstelle ein Finanzzentrum der Postbank ist, von Postbank in Dortmund und ist gleich von zwei Mitarbeitern aus dem Backoffice Filialbetrieb abgezeichnet.

Das Schreiben betont zunächst die Bedeutung von Anregungen und Kritik, um den Service zu verbessern, was man als mündiger Postkunde durchaus ernst nehmen sollte. Dann wird versichert, dass die Mitarbeiter in der Filiale noch einmal „auf die Wichtigkeit von einwandfreiem und kundenorientiertem Verhalten“ hingewiesen wurden. Dazu muss ergänzt werden, dass die Mitarbeiter am Philatelieschalter in der Regel durchaus einwandfrei und kundenorientiert arbeiten – nur eben an besagtem Tag zu Mittagsstunde überhaupt nicht und ohne weitere erklärende Mitteilung.

Als Schließgründe sind laut dem Brief möglich: (1) ausnahmsweise verkürzte Arbeitszeiten, (2) Pausen, (3) Kassenübergabe. Das Backoffice der Postoffice versichert aber, dass dies durch einen Aufsteller kommuniziert wird. Die regulären Öffnungszeiten sind übrigens durchgehend von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr.

Weiterhin zu beachten ist folgendes:

„In den Finanz-Centern der Postbank, [sic!] wird derzeit der Verkauf von Einzelbriefmarken und Sondermarken gar nicht mehr oder teilweise nur eingeschränkt angeboten.“

Das bestätigt eine Alltagserfahrung ist aber angesichts der Schließung aller posteigenen Filialen alles andere als begrüßenswert. Kleine Poststellen (heute oft so genannte Postpoints) kompensieren dies ein wenig und gerade in philatelistisch nicht besonders affinen Gegenden findet man wenigstens die Ausgaben der jeweils letzten zwei Monate in der Regel im Verkauf.

Natürlich muss man immer nachfragen und wird manchmal bei Hochbetrieb von den anderen Wartenden mit vorwurfsvollen Blicken bedacht, wenn man die/den Angestellte/n dazu bringt, in den Tiefen des Verkaufstresens nach dem braunen Umschlag mit den Bögen zu suchen. Man sollte es aus meta-philatelistischen Gründen dennoch tun, denn wo Nachfrage besteht, besteht auch die Möglichkeit, dass das Angebot erhalten bleibt. Und die Kunden, die ihre Bankgeschäfte am Schalter abwickeln beanspruchen ja auch ihre Zeit und vor allem die der Mitwartenden, die vielleicht nur eine Sendung abgeben wollen. Die Verteilung ist somit immerhin halbwegs fair. Warum man allerdings nicht stärker auf das von anderen Postsystemen (Spanien, Luxemburg, etc.) und mittlerweile auch manchem Bahn-Reisezentrum bekannten Nummernsystem zurückgreift, was wenigstens die nervige und nicht mehr zeitgemäße Reihung in der Warteschlange, aus der immer das Gefühl des Bittstellers und der stechenden Blicke im Nacken in die Atmosphäre wabert, erleichtern könnte, bleibt bis  ein Rätsel. Vielleicht sollte man auch das verstärkt anregen.

Abschließend lädt der Brief aus Dortmund dazu ein, Postprodukte, also auch Briefmarken doch im Internet zu bestellen. Das mache ich intensiv und gern, bevorzugt jedoch bei ausländischen Postdiensten. Ansonsten bleibt in jedem Land der Welt sofern möglich die Neigung zum Schalter, nicht zuletzt, weil der zwischenmenschliche Kontakt und die Bitte zur sorgfältigen Stempelung auch eine Rolle spielen. So wie man seiner kulturellen Verpflichtung nachkommen sollte und ab und zu mal ein Buch nicht bei einem Internetgiganten sondern im Buchladen am Ecke erwerben sollte, so sollte man auch in dieser Beziehung die Offline-Kultur stützen. Denn sonst gibt es sie womöglich bald nicht mehr und nicht mehr aus dem Haus zu gehen, weil das ganze Leben ein virtuelles ist, scheint jedenfalls mir als nicht erstrebenswerte Verarmung desselben. Zudem: knapp fünf Euro Versand bei Bestellung unter 15 Euro sind einfach zuviel, wenn man nur mal einen Bogen Sondermarken für den aktuellen Briefverkehr erwerben möchte.

Das Schreiben endet fast rührend mit der Aussage:

„Bitte glauben Sie uns, die Geschäftspolitik der Postbank beinhaltet nicht, Kunden durch schlechten Service zu verägern.“

Das glaube ich natürlich und freue mich als Kunde der Postbank (mehr oder weniger wider Willen, denn mir geht es ja nicht um die Bank sondern um die Post), dass man mein Anliegen offensichtlich ernst nimmt. Danke.

Die Philatelie bei Walter Benjamin und im Alltag 2009.

Posted in Sonstiges by Ben on Oktober 13, 2009

Zugleich ist Benjamins Interesse von einer anderen Leidenschaft geprägt, die bis heute ein Nebenzweig der Philatelie ist, nämlich das Sammeln von Briefen und Postkarten, das auch in der „Berliner Kindheit“ erwähnt wird. „Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht“, so heißt es zu Beginn der „Briefmarken-Handlung“, „dem sagt oft eine Marke, die längst außer Kurs ist, auf einem
brüchigen Umschlag mehr als Dutzende von durchgelesenen Seiten. Manchmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und weiß dann nicht, soll man sie ablösen oder soll man die Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt eines alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat?“

In ihrer geisteswissenschaftlichen Abteilung widmet sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe (14.10.2009, Seite N4) dem Aspekt des Briefmarkensammelns bei Walther Benjamin. Der maßgebliche Text aus dem Benjamin’schen Werk ist natürlich die Briefmarken-Handlung aus seinem Buch Einbahnstraße bzw. zuerst in einer Ausgabe der Frankfurter Zeitung aus dem Jahr 1927. Die Autoren des Artikels, Detlev Schöttker und Steffen Haug, gehen aber über den eigentlichen Text hinaus und beleuchten den Kontext, u.a. die Einflüsse des Buches „Le paysan de Paris“ von Louis Aragon, Benjamins Korrespondenz mit Siegfried Kracauer zum Thema Philatelie und auch die oben zitierten Überlegungen zum Medium Postkarte, wobei sich Absatz auch speziell mit dem Phänomen der Poststempel befasst. Zuletzt erwähnen sie ein schönes Detail aus einem Manuskript zur „Briefmarken-Handlung“:

„Unter ihnen befindet sich eine Passage mit der Beschreibung einer Marke, die er vermutlich aus Moskau kannte, als er im Winter 1926 – mit dem Manuskript der „Einbahnstraße“ in der Tasche – seine großen Liebe Asja Lacis besuchte, der er das Buch gewidmet hat. Die Marke gehört zu einer dreiteiligen Serie mit dem Titel „Kräfte der Revolution“, deren Porträts auf Skulpturen von Iwan Schadr zurückgehen. Sie zeigen einen Bauern, einen Rotarmisten und einen Arbeiter, dem Benjamins eigentliche Aufmerksamkeit galt.“

Es ist sehr bedauerlich, dass die Philatelie mittlerweile zu einem Nischenphänomen geworden, den Nischenphänomen bedeutet leider auch Nischenmarkt und damit permanente Existenzbedrohung besonders in schlechten Zeiten. Wobei die Zeiten angesichts der fixen Ausrichtung auf Daueroptimierung, Einsparungsvolumina und Wachstumsraten immer schlecht sind. Der Postdienst ist tatsächlich eine Dienstleistung. Die Aufgabe der Briefmarke als national-kulturelles Repräsentationssymbol verwässert mehr und mehr in einem relativ freiem ökonomischen Spiel, was zu so absurden Phänomenen wie personalisierbaren Marken führt.

Am Schalter erfährt die Briefmarke ohnehin eine Marginalisierung und wird häufig durch Funktionsaufkleber ersetzt, die philatelistisch durchaus interessant sein können, deren Semantik sich aber tatsächlich nur noch darauf bezieht, dass bezahlt wurde. Semiotisch sind dieser Aufkleber weitgehend uninteressant. Das Abdrängen der Marken auf eine reine Produktionsschiene für den Sammlermarkt, die als Nebengeschäft des Postunternehmen läuft, für den eigentlichen Postverkehr aber keine Rolle spielt, führt zu einer allgemeinen philatelistischen Desensibilisierung. Das verringerte Brief- und Postkartenaufkommen (besonders bei denen im FAZ-Artikel erwähnten „Computer-Generationen“) spielt sicher zusätzlich in diese Entwicklung hinein.

Dazu kommen die Folgen der Automatisierung der Briefbeförderung, die mit der Ersetzung der Ortsstempel eindeutig zu einer Verarmung der Belegkultur beigetragen hat. Das Karten und Marken den Empfänger nicht selten ramponiert erreichen, ist ein weiterer Aspekt, der die Freude an der Philatelie nennenswert eintrüben kann. Wenn eine persönliche Botschaft durch einen scheußlichen Laserstempel unlesbar gemacht wird, wie es die französische Post perfektioniert hat, nimmt das jede Lust, eine Karte zu schreiben.

Die philatelistische Desensibilisierung wirkt also doppelt gerichtet und zwar auf die Postunternehmen mit ihren optimierten Beförderungsprozessen und die Postnutzer mit ihren optimierten Alltagsstrukturen. In beiden bleibt wenig Raum und Ruhe für die Auseinandersetzung mit der Briefmarkenkultur, die ganz offensichtlich ein Anachronismus ist. Aber ein sehr schöner und erhaltenswerter.

Die Briefmarke

Die Briefmarke Neukölln - Eine von wenigen Briefmarkenhandlungen, die sich in Berlin noch finden lassen. Das Schild über dem Eingang vermag dabei typographisch zu überraschen.

Ein anderes Problem liegt in der Sammlergemeinschaft selbst: Die weitreichende Fixierung auf die ökonomische Facette des Briefmarkensammelns, die Katalogwertmarkierungen über alle anderen Facetten des Sammelns und Genießens von Briefmarken stellt, wirkt auf  Außenstehende nicht sonderlich motivierend, zumal das Missverhältnis zwischen dem Überangebot und der mangelnden Nachfrage die Philatelie für Neueinsteiger zu einer denkbar schlechten Geldanlage werden lässt, die sehr viel Fachkenntnis bei meist sehr geringer Rendite erfordert. Schließlich präsentiert sich z.B. auf der Briefmarkenbörsen-Tournee ein großer Teil der Szene als geschlossener Zirkel, der wenig Interesse hat, andere Blickwinkel als die etablierten zu akzeptieren. Oft sieht man sich entweder lockeren Geschäftsleuten gegenüber, denen die Ware, die sie anbieten, weitgehend gleichgültig und Begeisterung fremd ist, oder eher verschlossenen Altorthodoxen, die einen freudvollen Umgang mit dem Medium Briefmarke grundsätzlich abzulehnen scheinen.

Wer als Außenstehender die drei führenden deutschen Fachblätter (Deutsche Briefmarkenzeitung, Briefmarkenspiegel, Deutsche Briefmarkenrevue) durchsieht, den kann es durchaus schütteln angesichts der nicht selten anzutreffenden journalistischen Dürftigkeit der Aufbereitung und der wenig einfallsreichen Ausgestaltung der Themen. Es springt wahrlich kein Funke über. Das Stamp Magazine wirkt weitaus solider, ist aber sehr auf Großbritannien fixiert und wie überhaupt ausländische Fachzeitschriften in Deutschland kaum bis nicht erhältlich. Den Schritt in eine zeitgemäße Selbstdarstellung haben insgesamt nur sehr wenige Vetreter sowohl des Briefmarkenhandels wie auch der Philatelie bisher erfolgreich vollzogen. Auch hierin liegt eine Ursache für die geringe Popularität philatelistischer Themen.

Was der Zunft der Philatelisten in der öffentlichen Wahrnehmung ebenfalls leider generell abzugehen scheint, ist der intellektuelle Anspruch im Umgang mit den postalischen Medien, wie ihn Walter Benjamin pflegte und wie er durch die Postmoderne durchgewaschen durchaus in spielerischerer, aber genauso origineller und tiefgründiger Form auch heute noch möglich wäre. Dafür scheinen schlichtweg die Akteure zu fehlen. Selbst bei großer Fantasie ist schwer vorstellbar, woher sie kommen sollen. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Briefmarke entgegen der Prophezeihung Benjamins überlebt und auch 15 Jahre Internet haben den Brief, die Postkarte und die nassklebende Marke nicht verschwinden lassen. Aber: Erreichte den Hof mit Müh und Not – möchte man sagen. Denn das, was heute sieht, wirkt nur mehr als Nachhall. Schade. Und Grund genug nassklebend zu frankieren und Handstempel am Schalter einzufordern, solange die Möglichkeit dazu besteht. Als lebensverlängerende Maßnahme also für einen der schönsten kulturellen Anachronismen, der uns aus dem 20. Jahrhundert überliefert ist. Und vielleicht auch im Andenken an einen der größten Kulturtheoretiker Europas.

Die deutsche Briefmarke – gewürdigt in Pittsburgh

Posted in BRD, Briefmarke, Stempel by Ben on September 17, 2009

Den meisten Philatelisten wird Pittsburgh wegen der diesjährigen APS Stamp Show noch im Gedächtnis sein, die vom 6. bis 9. August im dortigen David L. Lawrence Convention Center abgehalten wurde und auf der die Fachöffentlichkeit u.a. erfuhr, dass die USA im Mai 2010 ihre eigene Hepburn-Marke ausgeben. Dass der Fall so Aufsehen erregend endet, wie bei der deutschen Hepburn-Wohlfahrtsmarke ist aber nicht zu erwarten, zumal die US-Ausgabe Katharine Hepburn und nicht etwa Audrey Hepburn zum Gegenstand hat. Zudem besitzt Pittsburgh auch eine eigene Philatelic Society, deren Website allerdings nicht sonderlich bermerkenswert ist.

Eine andere Website aus Pittsburgh überrascht da weitaus mehr. Das Department of Germanic Languages and Literatures der University of Pittsburgh benutzt nämlich als kulturellen Assoziationspunkt nichts weniger, als Briefmarkenausgaben der Bundesrepublik Deutschland. Dazu gibt es eine freundliche Begleitseite, die ein weiteres Mal bestätigt, was jedem Philatelisten längst bekannt ist: Die Briefmarke mehr als die Summe ihres Beförderungsentgeltwertes. Anders formuliert:

„German postage stamps represent visually the breadth and accomplishments of German culture, whether in literature, art, architecture, science, politics, philosophy, or music. Through both function and design they encourage contact between cultures.“

Dies gilt natürlich für jede landeskulturell nah ausgelegte Ausgabe weltweit und in jedem Land. Es ist aber sehr schön, dass die Pittsburgh Germanisten genau in diesem Bewusstsein durch ihr Studium gehen.

Und nicht nur die Errungenschaften der Kulturgeschichte sondern auch aktuelle Ereignisse finden ihre philatelistisch relevante Repräsentation. Beispielsweise die Bundestagswahl am 27. September 2009, für die aktuell heftig mit Maschinenstempeln geworben wird.

Maschinenwerbestempel zum 27.09.2009

Selbstklebende Ottonenkultur trifft schwachstempelfarbiges Demokratiesymbol: Möglich im September 2009 z.B. bei Postsendungen, die das Briefzentrum 12 durchlaufen.

Sowjettourismus 1966: Das Hotel Itkol im Kaukasus

Posted in Briefmarke, Sowjetunion, Stempel by Ben on September 10, 2009

Im aktuellen Beitrag des Soviet Postcards Weblog fällt ein Element unter den Tisch: Die Briefmarke auf der dritten vorgestellten Ansichtskarte des Moskauer Schwimmbads. Während bei der Karte noch über die Jahreszeit mutmaßt, positioniert sich die Briefmarke eindeutig in der Winterzeit. Bei der Höhenlage nahe des Elbrus verwundert das nicht: das Hotel Itkol (Иткол) ist in ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel im Skigebiet des Cheget (Чегет) mitten im Kaukasus gelegen, dessen Gipfel sich immerhin auf 3650 Meter hochkämpft. Die Darstellung auf der Briefmarke gibt dies nur bedingt in passender Relation wieder. Der комплекс ist in etwa dort gelegen, wo man tatsächlich auch heute noch vom Ende der Welt spricht. Dass sich das architektonisch im funktionalen Stil der 1960er mit der kleinen Extravaganz des Berghütten referenzierenden Beibaus erbauten Hotelkomplexes auf einer Briefmarke findet, lässt durchaus darauf hindeuten, dass die Sowjetunion in den 1960er Jahren ganz international ausgerichtet auch die Stilistik des damaligen Reisenkonsumkultur aufgriff. Ausgegeben wurde die Marke am 20. Juli 1966 in einem Satz zum Thema Feriengebiete.

Überhaupt ist das Ausgabeprogramm des Jahres 1966 sehr weitgefächert und eines eigenen Beitrags wert. Im Zentrum stehen die Internationalisierung, der technische Fortschritt, ruhmreiche Militärgeschichte, etwas Kulturgut, viel Raumfahrt und eine große Kiste des allgemeinen Symbolschatzes der Sowjetpolitik.

Im Januar begann man mit einem Satz zu Internationalen Kongressen, die in diesem Jahr in der Sowjetunion stattfinden sollten (z.B. dem 13. Internationalen Geflügelzuchtkongress in Kiev). Weiterhin gab es zwei Marken zum 200jährigen Bestehen der Dimitroff Porzellanfabrik und eine zur Würdigung des französischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Romain Rolland. Ende Januar (Am 31sten) wurde das 20jährigen Bestehen eines Freundschaftsvertrags zwischen der UDSSR und der Mongolei mit einer in der passenden Ornamentik gehaltenen Marke begangen, wobei die dort abgebildete Reiterfigur am 05. Februar mit der Ausgabe zur ersten weichen Landung auf dem Mond – nämlich der von Luna 9 im Oceanus Procellarum (leider nicht passend: Porcellanum) – (stattgefunden am 03. Februar 1966) kontrastiert wird. Da war er also wieder, der sowjetische Vorsprung im Wettlauf ins All.

Expeditionen gab es auch auf der Erde zu feriern und zwar neun Tage später mit den dreieckigen Sonderausgaben zu den sowjetischen Antarktisexpeditionen. Auch hier wurde Terra Incognita erobert, z.B. mit eine Reihe von Forschungsstationen im ewigen Eis –  und die Eroberung postalisch aufbereitet. Damit man aber nicht vergaß, wen man diesen Fortschritt verdankt, gab es kurz darauf die obligatorische Lenin-Briefmarke, diesmal zum 96ten Geburtstag, sowie einen Satz mit militärischen „Helden der Sowjetunion“. Auch der 23ste Kongress der KPdSU, bei dem man unter dem Generalsekretär Leonid Breschnew  zu einer härteren Gangart zurückfand, erhielt pünktlich zur Eröffnung am 29.02. seine Sondermarke. Zu seinem Ausklang im März erschien dann noch ein rot-silberner Gedenkblock in klassischem sozialistischen Repräsentationsdesign. Zwei weitere Marken im Februar würdigten Kinofilme. Als gestalterisch interessanter präsentiert sich die Sonderausgabe zur Ständigen Versammlung der All-Unionsphilatelisten, die die Allunionsausstellung und Lenin schön aufeinander blendet. Die Dreieckformkehrte kehren zur Emission anlässlich der Winterspartakiade in Sverdlovsk wieder, der Satz zu den zeitgenössischen Verkehrsmitteln und -wegen erscheint dagegen wieder in schlichter rechteckiger Einfachheit.

Was gab es noch im ersten Quartal 1966 zu feiern und mit Briefmarken zu bedenken? Da wäre der 40ste Jahrestag der ASSR Kirgisien, die tiefrot das Sowjetgebäude in der Hauptstadt Frunse (heute Bischkek) mit orientalisierender Rahmung zeigt. Ebenfalls gewürdigt wird Sergei Kirow, dessen Ermordung im Dezember 1934 als der Startschuß für das politische Säuberungswüten Stalins gilt. An seiner Seite gedachte man 1966 philatelistisch Grigori Ordschonikidse, einst Volkskommissar für Schwerindustrie, im Februar 1937 tot in seiner Wohnung im Kreml aufgefunden wurde, was damals die ganze Sowjetunion erschütterte. Offiziell wurde sein (wahrscheinlicher) Selbstmord in einen Herzinfarkt umgedeutet und auf dem Titelfoto der Pravda, das den aufgebahrten Ordschonikidse umringt von Stalin, Molotow, etc. zeigt, ist die Schussverletzung, mit der er wohl gefunden wurde, auch nicht zu sehen. Den Oktoberevolutionär und 1937 im allgemeinen Furor mitsamt Frau und Verwandschaft exekutierten Iona Jakir gab es als dritten im Bunde am Briefmarkenschalter.

Nach drei Opfern der 1930er Jahre feierte man am 30 .März vier sowjetische Naturwissenschaftler aus den boomenden Disziplinen Mineralogie, Mikrobiologie, Physik und natürlich Polarforschung. Da Luna 10 mittlerweile auch im Orbit war, gab es Anfang April die nächste Raumfahrtausgaben. Die restlichen Ausgaben (inklusive einer zu Ehren Ernst Thälmanns und einer zu Ehren Wilhelm Piecks sowie zum Sieg des sowjetischen Eishockey Nationalteams bei der Weltmeisterschaft in Ljubljana müssen allerdings aus Zeitgründen ein anderes Mal referiert werden. Wie gesagt:  In ihrer Spannung und ihrem Aufschlußreichtum ähnelt die sowjetische Philateliegeschichte durchaus der Ansichtskartenhistorie.

Jetzt soll jedoch der Blick noch einmal zurück auf die schönen Tourismus-Marke fallen, auf der die Kiefern und mehr noch die Limousine – schätzungsweise ein Tschaika GAZ 14 – begeistern.

Briefmarke Tourismus

Briefmarke Tourismus

Vorder- und Rückseite der Ansichtskarte, die von Moskau nach Prag 9 (Vysočany), also an östlichen Stadtrand,  in eine kleine Straße namens Zbuzkova unweit der dortigen Bahnstation lief, sind auf sovietpostcards abgebildet. Eine händische Datierung ist auf die Karte nicht aufgebracht, der – leider etwas verschmierte – Poststempel datiert auf den 04.10.1966. Die Stempelung erfolgte in Moskau und umfasst neben dem Ortsstempel auch einen Beistempel „международные“ = international. Vielmehr lässt sich auf die Schnelle nicht ablesen und somit soll es mit dieser kurzen Betrachtung auch genug sein.

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