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Don’t dream, make over: Die New York Times sieht das Kommunikationsmedium „E-Mail“ sterben.

Posted in Kommunikationstheorie by Ben on Dezember 21, 2010

“They still use AOL,” she says, implying with her tone that she finds this totally gross.

Wird die E-Mail möglicherweise zur Compact Disc der schriftlichen Kommunikation? Während die Briefträger, wenn auch im Vergleich zu prädigitalen Zeiten reduziert, aber dank der Zusammenlegung der Zustellbereiche umso schwerer ächzend, über Schnee und Eis mit Brief und Karte zu den Einwurfschlitzen eilen und sich die einen oder anderen Empfänger dieser Botschaften möglicherweise gar am pechschwarzen Rund gepresster Audiophilie erfreuen, fällt der e-mailierte Nachrichtenaustausch zu Weihnachten nicht nur karger aus als sonst, sondern auch generell weniger ins Gewicht. Jedenfalls dann, wenn man einem Beitrag der heutigen Ausgabe der New York Times glauben mag (Matt Ritchel: E-Mail Gets an Instant Makeover, 20.12.2010). Die Echtzeitkommunikation aus Facebook, Skype und anderen Strukturelementen der Interaktion des Jahres 2010 schiebt danach besonders bei den seit den 1990ern kommunikationell Sozialisierten das Medium E-Post auf ein verschneites Abstellgleis:

„The problem with e-mail, young people say, is that it involves a boringly long process of signing into an account, typing out a subject line and then sending a message that might not be received or answered for hours. And sign-offs like “sincerely” — seriously?“

Jeder Mouse-Klick zählt und wo man die E-Mail aufgrund ihrer papierlosen Leichtigkeit (kein klecksender Füllfederhalter, keine vergebene Suche nach einer passenden Briefmarke, kein Termindruck durch Leerungszeiten und kein langes Warten auf die Zustellung) rühmte, sieht man jetzt einen Ballast, der aus dem Heißluftballon des täglichen Nachrichtenaustausches geworfen wird. Was allerdings zu selten bei Betrachtungen zur Konkurrenz der Kommunikationsmittel Beachtung findet, ist der Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Texten. Denn liest man den echtzeitlichen Nachrichtenaustausch eher als Fortsetzung des Gesprächs über das Telefonat und die SMS hin zum Facebook-Chat, dann erkennt man, dass die Art der Botschaften eine ganz andere ist. Verschriftlichte Oralität lautet der Begriff. Man schreibt sich, was man sich sagen würde, wenn die Situation dies hergäbe.

Dass die Digitalität eine Zunahme dessen mit sich bringt, was James E. Katz von der Rutgers-Universität im Beitrag der New York Times als „social intensity“ bezeichnet, ist, wie mir scheint, eine Mischung aus allgemeinem Ausdrucksbedürfnis und den Werkzeugen der digitalen sozialen Netzwerke, die in gewisser Weise das Erbe der Bürokratie in unser privates Miteinander importieren. Facebook ist deswegen so erfolgreich, weil wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Art virtuellen und allseits (per Internetzugang) verfügbaren Kartei mit uns tragen und jede Kommunikation über diese Plattform auch direkt in ihr verzeichnet wird. Die Verwaltungstechnologie erweist sich dabei zugleich als erstklassige Repräsentationsoberfläche für das, was man gern als „Soziales Kapital“ bezeichnet – vom Geschmacksurteil bis zur persönlichen (Partnerschaft) und institutionellen (Firma) Anbindung.

Facebook ist als Werkzeug zum explizierten Identitätsmanagement erfolgreich. Die Möglichkeit, aus den Akten der Selbstverwaltung direkt zu kommunizieren (und sich in die Akten der Anderen einzuschreiben), ist sowohl ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit wie auch ein hervoragendes Merkmal der Kundenbindung. Die Urangst des Menschen ist der Ausschluß aus der Gesellschaft der dann Anderen. Der Blick auf das eigene, wohlgestaltete und rege aufgerufene Facebook-Profil signalisiert die Integration.

Als Puderzucker über der Belgischen Waffel vermeintlich zeitgemäßer Kommunikation streut sich das iDeologische der technischen Innovation bzw. schlicht: des Neuen, die bei genauerer Sicht wie jede Art von Trend das Bedürfnis nach Normsetzung oder Normbefolgung bedient. Das Frische mag nicht richtig sein, ist aber immerhin fruchtbar und unbelastet. Auch hier entschlüpft die Sehnsucht nach Ballastfreiheit den Kokons der schwergewichtigen Komplexität spätmoderner Lebenswelten. Wenn man die konkreten Werte und Praxen der Alten per se als überholt abstempelt, muss man sich nicht mit diesen befassen. Es ist immer einfacher, im Freiland des Neuen zu beginnen, als sich ins Dickicht des Althergebrachten – das obendrein auch noch von denen verteidigt wird, denen es Lebenswerk ist – hineinzukämpfen. Es ist nicht ohne Grund etwas, was man einst „Neue Welt“ nannte und was sich als permanente Ideologie des Aufbruchs darbietet, das uns europäischen Altweltlern mittlerweile kultur- und technikhegemonial eine bunte Palette an Verhaltensnormen vorgibt.

Bleibt die Frage, ob es der E-Mail ähnlich wie der CD ergeht, die nur ein digitales Zwischenstadium bis zur konsequenten Befreiung des Einzeltitels für den Populärmusikmarkt durch die mp3 war (der zu wenige plattenfüllende Konzeptarbeiten hergibt, um an der arbiträren 78 Minuten-Fixierung festzuhalten). In der Regel wandern dann alle Verwendungsarten von einem zum anderen Medium, wenn sich herausstellt, dass das erste eine nur suboptimale Umsetzung dessen zulässt, was sich der Nutzer eigentlich wünscht. Solange es aber Szenarien gibt, in denen die E-Mail als digitaler Brief sinnvoll erscheint, ist sie nicht antiquiert, nur anders.

Und solange es Menschen gibt, die gerade den greifbaren Kontrast (die „Aura“) des Berühbaren – also die der zerbrechlich schönen Schallplatte oder des immer vom Verlust bedrohten Papierbriefes – goutieren, die sich demnach am spürbar Vorübergehenden und endgültig Auslöschbaren materieller Datenträger gerade aus diesem prekären Daseins-Grund erfreuen, wird es auch aus Sicht bestimmter Anbieter auf diesen Nischenmärkten Grund genug geben, Medienformen wie das Buch, die Schallplatte oder die Postkarte zu erhalten. Der Mensch muss in seinem Leben Verlust lernen. Die Kulturindustrie dieser Couleur ist Spezialist für das Lehrmaterial.

Dass uns die Beziehung zu physischen Medien erhalten bleibt, scheint mir aus einem Grund gewiss: Entspricht das rein syntaktisch realisierte Web dem Geist, erinnern uns die Dinge an unsere Körperlichkeit und dingweltliche Medien daran, dass wir beides sind. Sie sind also abseits jeder anderen Trägerschaft Symbol unserer paradoxen Natur.

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Die Postkarte und ihr Verschwinden. Gedanken zur digitalen Kommunikation.

Posted in Kommunikationstheorie by Ben on Mai 30, 2010

Nicht selten bekommt man erzählt, dass die Ansichtskarte ein totes Medium sei. Und wer einmal versucht hat, mit einem typischen Durchschnitts-Twen in einen Briefwechsel zu treten, der sich tatsächlich auf Papier und Postweg und nicht über Kurznachricht und Facebook vollzieht, dürfte eher der obigen Aussage zustimmen müssen.

Wer die Welt permanent durch ein Macbook-Display filtert, hat wenig Anlass, für die persönliche Kommunikation zu Filzstift, Postkarte und Briefmarke zu greifen, meint man.

Während Menschen früherer Geburtsjahrgänge noch realisieren, das etwas fehlt, wenn an einem verregneten Sonntagnachmittag keinen 15 Jahre alten Liebesbriefe mehr aus einem vergessen geglaubten Buch purzeln, sondern immer nur die tagesaktuellen Streams über den HD-Screen, während die E-Mails aus den 1990ern beim letzten Endgerätewechsel verloren gegangen sind und mit ihnen auch jede textuelle Manifestation eines früheren und sehr prägenden Begehrens im Orkus der Zeit verschwand, ist die iPad-Kultur von vornherein mit einer hochglänzenden totalen Gegenwärtigkeit ausgerüstet.

Vertreter der lobenswerten These, dass Facebook ein Archiv der zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt, also eigentlich noch expliziter, recherchierbarer und beliebig abrufbarer wird, übersehen bedauerlicherweise häufig einige Aspekte:  So weiß niemand, wie zeitstabil diese Archivierung eigentlich ist, da die virtuelle Auslagerung der persönlichen Beziehungsdaten zu einem externen Dienstleister vom Wohlergehen des selbigen abhängig bleibt. Zudem ist der Aufmerksamkeitsdruck dieser sozialen Netzwerke derart hoch, dass man schon sehr viel Selbstdisziplin aufbringen und den ausdrücklichen Wunsch dazu verspüren muss, auf der Zeitleiste zurückzueilen. Kontakte sind in dieser Sphäre eigentlich nur dann von Bedeutung, wenn sie im Moment spürbar werden. Schließlich stellt die Dematerialisierung eine so genannte Kanalreduktion dar, was zur Folge hat, dass zahlreiche, individuell relevante Kontextinformationen (Handschrift, Material, liebevolle Kritzeleien am Rand des Papierbogens, aber auch Briefmarke und Poststempel) nicht mehr existieren. Im Web sind auf dieser Ebene alle Botschaften gleich.

Die virtuelle Organisation des sozialen Erlebens führt mehr oder minder in eine Art postbiografischen Zustand. Für die Beschäftigung und Dekonstruktion des eigenen Werdegangs bleibt keine Konzentration und womöglich auch kein Interesse.

Diese Kultur rauscht bezüglich ihrer Vergangenheit in eine Verfassung der A-Historie und der Gegenpol der Zukunft fixiert nur das Release-Datum des nächsten, alles umkrempelnden Werkzeugs. Es ist verblüffend, wie irrelevant Erinnerung in diesem Umfeld wird. Dagegen dominieren die Diskurse über aktuelle Werkzeuge. Diskurse über Werke und Entstehungskontexte finden sich bestenfalls in den Nischen reflektierender Wissenschaftszweige, erreichen kaum je ein Feuilleton, das selbst selten begreift, dass es den Anzeigemedien vor allem an einem zentralen Element menschlicher Kultur mangelt: an Erotik – und zwar nicht im sexuellen Sinn, sondern im Sinne einer Begegnung. Kommunikationswerkzeuge sind dann funktional sinnvoll, wenn sie solche Begegnung vorbereiten und/oder ermöglichen. Sie werden in dem Augenblick dysfunktional, wenn sie sich zwischen Begegnungen schieben.

Wer zum Treffen  in einem Café sein Anschlussgerät an die virtuelle Welt mit sich führt und bei jeder eingehenden Nachricht das Gespräch unterbricht, das Display also dem persönlichen Austausch vorzieht, bewegt sich exakt in der zweiten Dimension. In der Steigerung, der Arbeitsalltag zeigt es und im persönlichen Austausch wird dieses Verhalten dominant, wird das persönliche Gespräch als Störung der virtuellen Kommunikation angesehen und nach Möglichkeit vermieden. Direkte, zwischenmenschliche Kommunikation wird funktional gebündelt, z.B. in dem man sich gemeinsam am Abend öffentlich einem zeitlich überschaubaren und nach Möglichkeit immer einzigartigen Event aussetzt. Die ergebnisoffene, prägende zwischenmenschliche Kommunikation ist dagegen kaum mehr Bestandteil des Lebens ganzer Kohorten der Gesellschaft.

Womöglich muss dies auch nicht sein und vielleicht ist das Bedürfnis, sich eher gestalten zu lassen, als zu gestalten eine anthropologische Konstante, der Willen zum kreativen Austausch dagegen eine Anomalie, die schöne Dinge hervorbringt, die sich perfekterweise in Projekte und Produkte überführen lassen, um in den Angebotsfluß auch der virtuellen Kommunikationsräume einzufließen.

Es spricht weiterhin generell auch wenig dagegen, den Pinsel zu bestaunen und nicht nach dem Gemälde zu fragen, denn angesichts der Komplexität diese durchgängig auszuübenden Kommunikationsfestes ist es schlichtweg einfacher und inklusiver, sich über die simplen Strukturen eines handfälligen Designs auszutauschen, als über die Irritation und unterschwellige Erhabenheit abstrakter Kunstwerke. Auch die Gestaltung von Oberflächen (=Design) ist unendlich ausdifferenziert und zunehmend weit mehr als reine Vermittlung. Sie wird Inhalt der Diskurse, Gegenstand der Debatten und Objekt der Orientierung. Daraus gehen andere Normen als die der Narrative hervor. Aber eben doch Normen und wer sich hier fügt, harmoniert, wie der, der sich dereinst den großen Erzählungen fügte. Problematisch, da überkomplex, wird es eher für die Wanderer zwischen diesen Welten.

Es geht nach wie vor um Lebensführung, mit der  Nuance, dass Selbstbestimmtheit in eine Komplexität mündet, die sich in Lebenskontexten, die von andauernden Vernetzungs- , Informations- und Interpretationsaktivitäten bestimmt werden, kaum mehr von den darin aktiven Individuen bewältigen lässt.

Hier ist nichts so notwendig und ersehnt wie eine Simplifizierung. Der aktuelle Markt an Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik setzt auf diese Vereinfachung bei gleichzeitigem Ausbau von Kanälen. Ersteres, um das Bedürfnis des Menschen nach Überschaubarkeit zu addressieren. Zweiteres, um die ebenfalls im ambigen Menschsein tief verankerte Affinität für quantitativen Zuwachs (=“mehr“) zu befriedigen. Ein Produkt, was heute auf den Markt drängt, muss mehr bieten, dies jedoch einfacher. Insofern ist die Leistung der Produktgestaltung kaum unterzubewerten. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Grund, es auf ganzer Linie und mit großem Applaus begrüßen.

Denn wenn lebensstillenkende Institutionen wie Facebook oder Apple zunächst den Zugang zu und die Nutzung von elektronisch vermittelten Kommunikationsflüssen  vereinfacht haben, so erzeugen sie mittlerweile auch die Dispositive, die die Kommunikation selbst auf bestimmte einfach Formen reduzieren. Um Kommunikation in diesem Rahmen bewältigen zu können, muss sie so umfänglich wie möglich kontrolliert werden. Die gängige Form des Austausches ist das Eingabefenster. Anders als die Postkarte, lässt sich dieses so gut wie nicht in der Form missbrauchen. Digitale Kommunikationstechnologien sind mehr als alle anderen Vorgängerformen kontrollier- und vorhersehbar. Potentiell führt also die Vereinfachung im Wechselspiel mit der Auffächerung zu einer permanenten Einbeziehung des Individuums bei gleichzeitiger Überforderung. Und letztlich zu einer Verarmung der tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten für interpersonale Kommunikation. Andererseits hat die Weltgeschichte gezeigt, dass noch kein Kommunikationsmedium zureichend imprägniert war, um jeden auf es herabregnende Umgestaltungswillen abzuweisen. Unglücklicherweise werden die Einbrüche, die grundsätzlich  notwendig sind, um einer alternativfreien Totalitarisierung vorzubeugen, umso aggressiver, je aggressiver der Kontrollwillen ist.

Da das Medium auch die Botschaft bestimmt, also die Form die Funktion, wird es sehr spannend, zu sehen, wie  in diesen hochgeschlossenen Kommunikationsräumen Handlungsflächen eröffnet werden bzw. sich eröffnen, die einen gegenintentionalen und subversiven Umgang mit den funktional höchst beschränkten Werkzeugen ermöglichen.

Und inwieweit bzw. in welcher Form sich die in diesem Kommunikationsrahmen sozialisierten Menschen der dem Medium grundsätzlich innewohnenden Biografielosigkeit widersetzen und tatsächlich Lücken erkennen, in denen sie, dem permanenten Stream an Botschaften, Kontakten und Angeboten enthoben, beginnen können, einen wirklichen Selbstsinn zu entwickeln und nicht nur an sich eine grundsätzliche funktionale Anpassung an die Bedingungen eines Marktes, der mit der digitalen Kommunikationstechnologie mehr und deutlicher als je zuvor auch persönliche, zwischenmenschliche Beziehungen durchdringt, praktizieren.

Also  beispielsweise wieder beginnen, Postkarten zu schreiben und sich auf Briefwechsel einzulassen. Interessanterweise eröffnet die durch und durch mobilisierte Lebenswelt, in der Wochenendausflüge von Berlin nach New York nicht unüblich sind, eigentlich weitgreifende Möglichkeiten für eine üppige und kreative Nutzung klassischer postalischer Formen. Nur leider bleibt es oft bei einem Twitter-Tweet an alle Follower/Freunde, in dem genauso schönes Wetter im Central Park vermeldet wird, wie die Botschaft, dass derartige Abstecher  ja nun wirklich zum Standardprogramm gehören, was den Druck auf alle, die sich sozial nicht davon befreien können, erhöht.

Dass das Medium Postkarte dennoch wenigstens als Stilmittel und in einem schön post-modernen Medienmix überlebt, zeigt ein frisches Musikvideo des jungen (1988 geborenen) und angesagten kalifornischen Rappers Fashawn, der von seiner persönlichen Biografie her eher nicht zu den Digital Natives zählt. Vielleicht greift er gerade deshalb nicht wie viele andere Rapkollegen zum Techporn, also der Zurschaustellung flotter neuer Kommunikationstechnologie, sondern zur Postkarte, um die Botschaft seines Liedes zu unterstreichen:  Samsonite Man (Youtube)