postiques

Ab die Post, und zwar von postiques zum retraceblog.

Posted in Sonstiges, Sowjetunion by Ben on Dezember 20, 2015

Im Gegensatz zur Symbolkraft von Hammer und Zirkel hat sich allen Untergangsvorhersagen zum Trotz die Idee des gegenständlichen Postverkehrs keinesfalls erledigt. Das führt bisweilen zu eigenartigen Geschäftsmodellen, wie dem digitalen Handschriftendienst der Firma Bond, über den die New York Times unlängst berichtete (Eilene Zimmermann: A Handwritten Card, Signed and Sealed by the Latest Technology. nytimes.com, 16.12.2015). Die Briefkästen werden also nach wie vor und gerade zu den Jahreswenden befüllt.

Darüber hinaus bleiben unüberschaubare Massen an postalischen Botenstoffen einer anderen Zeit, nämlich des 20. Jahrhunderts, die auf Flohmärkten, in verbliebenen Briefmarkenfachgeschäften, über Internetauktionshäuser und ganz reguläre Versandhändler mit Amazon-Shop meist ungezielt, aber dafür preisgünstig verfügbar sind und aus verschiedenen Gründen einer annotierten Ausgrabung im Web – und sei es nur zur Dokumentation dieser Ephemera – geeignet sind. Man kann Briefmarken und Poststücke aus diversen Blickwinkel betrachten und beforschen. Im Januar 2016 gibt es beispielsweise eine sehr seriös anmutende Tagung „Philatelie als Kulturwissenschaft“ des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Ästhetische, motivanalytische, kommunikationsgeschichtliche Deutungsansätze sind genauso denkbar, wie auch die grundsätzliche Faszination am Objekt.

Da die Suche nach bibliophilatelistischen und bibliophilokartischen Objekte zwangsläufig das Aufkommen anderer nicht minder faszinierender, mitunter sogar noch faszinierender Stücke mit sich bringt, wurde vor einigen Jahren dieses Weblog namens postiques begründet. Seit fünf Jahren liegt es allerdings brach und es stellt sich die Frage, inwieweit eine Reaktivierung lohnt. Ein Tumblr-Strom namens postpaper folgt einem ähnlichen Ziel, allerdings mehr registrierend als annotierend. Der Weg, der die Idee einer auf Liebhaberschaft gründenden und zwangslosen Auseinandersetzung mit Briefmarken, Postkarten, Umschlägen und ähnlichen Übersehbarkeiten weiterführen soll, wird nun ein dritter sein: Das Anliegen dieser Seite wird in ein Gemeinschaftsblog integriert, dass größere thematische Spielräume zulässt und das durch seine Frische auch neu motiviert, hin und wieder eines der zahllosen Poststückchen aus einem der Kartons zu nehmen und ein wenig daran zu reflektieren. So lässt sich erstaunt erkennen, dass dank des eigensinnigen Verlaufens von Geschichte der Ersttag dieser Gedenkbriefmarke zum 47sten Jahrestag der Oktoberrevolution mit dem Tag zusammenfällt, an dem Nikita Chruschtschow gestürzt wurde. Am Führerprinzip hielt, das sich nur zu deutlich in der rotbeflaggten Illustration auf dem Erstagskuvert zeigt, hielt man in der Sowjetunion umso nachhaltiger fest und das putinistische Russland unserer Tage zeigt, dass die Attraktivität solcher Regierungsmodelle (abzüglich der Ideale der Oktoberrevolution) keinesfalls ein zu Tode dekonstruiertes Ding des 20. Jahrhunderts ist. Leider. Immerhin sind Hammer, Sichel, Ähre und Waffe in dieser Kombination vermutlich nicht mehr mehrheitsfähige Insignien. 

Umschlag Sovietunion 1964

Ersttagsumschlag Sowjetunion 14.10.1964

Dennoch bleibt die Einsicht, dass Anachronismen sehr häufig wieder weiterleben und -blühen, sei es nun als Modell des Personenkults oder im Form der Briefpost und ihrer Aura. Letzteres wird hoffentlich häufiger als das Erstgenannte im retraceblog seine Thematisierung finden. Damit wird dieses Blog auf absehbare Zeit geschlossen, was aber nicht davon abhalten soll, bei Bedarf doch noch einmal in dem einen oder anderen Posting nachzublättern.

(Ben Kaden, Berlin, 20.12.2015)

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Nabokov, Benjamin und Sharapova – einige philatelistische Marginalien

Posted in Literatur, Sonstiges by Ben on Dezember 9, 2009

„Most of all Martin felt sorry for the originality of the deceased, who was truly irreplaceable – his gestures, his beard, his sculpturesque wrinkles, the sudden shy smile, the jacket button that hung by a thread, and his way of licking a stamp with his entire tongue before sticking it with his fist. In a certain sense this was all of greater value than the social merits for which there existed such easy little clichés, […]“ – Vladimir Nabokov, Glory. Ausgabe Penguin Classics, 2006,  S. 117)

Vladimir Nabokovs früher Roman „Glory“ (geschrieben 1930 , Originaltitel: Подвиг, Deutsch: Die Mutprobe) ist schon für sich genommen eine Perle der Literatur. Wirklich spannend wird es jedoch, wenn man den Spuren folgt, welche die postalischen Elemente innerhalb des Romans auslegen. Die eingangs zitierte Passage fällt ein wenig aus dem Rahmen, da sie nicht die Hauptperson Martin Edelweiss per Postkarte oder Brief mit anderen Protagonisten verbindet, sondern die Beschreibung eines Dritten enthält. Im 35sten Kapitel des Buches beschreibt Nabokov Martins Sicht auf die Würdigung eines Verstorbenen im Emigrantenmilieu Berlins der 1920er Jahre. Beim Lesen des Nachrufs überkommt die Hauptfigur der Gedanke, wie eitel und nutzlos und vor allem austauschbar derartige Würdigungen sind, wie sie die eigentlichen Besonderheiten eines Menschen verfehlen und ihn stattdessen im Dienst einer Sache egalisieren. Martin beschließt daraufhin, sich jeder politischen Parteinahme zu entziehen und setzt dies schließlich in einer unglaublichen und bewunderswert nutzlosen Form um.

Abgesehen von der Erinnerung an den Briefmarken klebenden und hämmernden Iogolevich finden sich zahlreiche Erwähnungen des Abschickens, Erhaltens und Lesens von Briefen. Die faszinierenste und in der Rückschau vielleicht ergreifenste Stelle markiert der Brief, den Martin im Kapitel 18 aus Cambridge an seine Mutter sendet und mit der die Beschreibung des Briefeschreibtätigkeit Martins einsetzt – ein Bild das einen der vielen Fäden durch den Roman zieht.

„He scribbled ten lines or so […] Suddenly, in his mind, he saw the mailman walking across the snow; the snow crunched slightly, and blue footprints remained on it. He described it thus: ‚ My letter will be brought by the mailman. It is raining here.‘ He thought it over and crossed the mailman, leaving only the rain. He wrote out the address in a large and careful hand, […] He inadvertently made a blot in a corner of the envelope. He squinted at it for a long time, and finally made it into a black cat seen from the back. Mrs. Edelweiss preserved this envelope along with his letters. She would gather them into a batch at the end of each semester and tie them crosswise with a ribbon.  Several years later she had occasion to reread them. The first-semester letters were relatively abundant.  […] and her was a letter with the crossed-out but distinctly legible line ‚My letter will be brought by the mailman.‘  Mrs. Edelweiss recalled with piercing clarity how she used to walk with Henry along the scintillating road between fir trees weighted down by lumps of snow, and suddenly there was the rich tinkling of multiple bells, the postal sleigh, the letter, and she hastened to take off her gloves in order to open the envelope.“ (S. 59f.)

Galanter wurde selten in der Literaturgeschichte durch die Formulierung einer Zeile und die Beschreibung der Ankunft eines Briefes eine Handlungsstrang derart über 20 Kapitel hinweg mit einer Randbemerkung („Mehrere Jahr später..“) angedeutet. Und der klingelnd durch den Schnee einer Schweizer Bergidylle hastende Postschlitten ist zusätzlich ein wunderschönes Motiv.

Die Sehnsucht seiner Mutter reproduzierend, die in den banalen Zeilen ihres Sohnes dessen Glück abgesichert zu sehen versucht, liest Martin im Kapitel 27 die Postkarte seiner vergeblichen Liebe Sonia. Spannend ist die indirekte Vorwegnahme des gescheiterten postalischen Grußes zwei Seiten zuvor. Sonias Familie, die Emigrantenfamilie Zilanov, räumen gerade nach einem Schicksalsschlag ihren Hausstand zusammen, um nach Berlin überzusiedeln. Martin stolpert zufällig in das Geschehen und steht mehr im Weg, als dass er etwas Sinnvolles beitragen kann. Vielmehr bahnt sich eine Aussprache mit Sonia an, die von ihrem Vater gestört wird, der mit den Worten „Didn’t I say to leave my desk alone? Now the ashtray has disappeared, it had two stamps in it.“ (S.95) ins Zimmer platzt und gleich wieder verschwindet. Danach ist mit den Briefmarken im Aschenbecher das Motiv scheinbar verschwunden. Kurz darauf – in der Handlung eine Woche später – erhält Martin jedoch Post von Sonia, „a postcard with a view of the Brandenburg Gate crossed by Sonia’s spidery handwriting, which he spent a long time deciphering, trying in vain to read a hidden meaning into trivial words.“ (S.98). Selbstverständlich muss sie für die Ansichtskarte aus Deutschland eine andere Marke verwendet haben, als sie in London nötig gewesen wäre. Dennoch scheint der Leser durch die Erwähnung gerade der fehlenden Postwertzeichen vorbereitet. Wie seine Mutter in der Lektüre seiner Briefe eigentlich nichts von Belang entdecken konnte, sie aber wieder und wieder las, sucht auch Martin in der Botschaft seiner unerwidert Geliebten nach einem Inhalt, den es schlicht nicht gibt. Die zwei Marken in London mögen zufällig in das Kapitel geraten sein. Sie unterstreichen aber mindestens ein weiteres Mal die Bedeutung des Postverkehrs für die Kommunikation der Figuren in diesem Roman.

Im Kapitel 34 erhält er eine weitere Karte von Sonia. Mit dieser antwortet sie auf einen Brief, in den Martin, immer noch an die Möglichkeit einer Wechselseitigkeit der Zuneigung glaubend, augenscheinlich viel Hoffnung setzte, der aber mit der Plattheit der Replik nahezu bloßgestellt, in jedem Fall missachtet wird:

„He wrote her a letter, and stayed away for several days. She replied a week or so later with a color postcard showing a pretty boy bending over the back of a green bench on which sat a pretty girl, admiring a bouquet of roses, with a German rhyme in gilt letters at the bottom: ‚Let a true heart leave unsaid what is told by roses red.‘ On the reverse Sonia had scribbled: ‚Aren’t they sweet? That’s real courtship for you. Look, I need your assistance, three strings have snapped on my racket.‘ And not a word about the letter.“ (S.119)

Doch: Kartenmotiv, Reim und jedes Wort sind auf den Brief gerichtet. So aufrichtig Martin zu lieben glaubt, um sich später auf eine harte Form von der Zuneigung zu Sonia zu emanzipieren, so sehr demütigt sie ihn, indem sie ihn auf eine ihm unzugängliche vulgär-kitschige Romantik als Ideal stößt und im gleichen Augenblick seine Hilfe für den profanen Dienst der Reparatur eines Tennisschlägers beansprucht. Hätte sie ohne dieses Problem überhaupt auf den vermutlich herzblutligen Brief reagiert?

Eine weitere sehr schöne Stelle findet sich im Kapitel zu Martins Frankreich-Aufenthalt. Dort versuchte er ein alternatives Leben und es gelang ihm temporär. Seiner Mutter als verbliebener realer Fixpunkt seiner Existenz schreibt er aus dem Postamt eines Dorfes namens Molignac eine Postkarte, die sie anscheinend über den Aufenthalt dort informieren soll. Den genauen Inhalt verschweigt Nabokov. Er beschleunigt aber die Handlung mit einem perfekt platzierten Nachsatz: „That postcard was the first of a new little batch of letters which Mrs. Edelweiss stored in her chest of drawers: the penultimate batch.“ (S.132)

Ein letztes Mal rücken Postkarten ins Zentrum der Handlung, als Martin seine Mutprobe, die aus einem so grundlosen wie illegalen und angesichts der sowjetischen Sabotage-Paranoia hochgradig gefährlichen Übertritt über die sowjetische Grenze besteht, auszuführen beginnt. Noch einmal ist Berlin Startpunkt. Die Postkarten sind Teil einer postalischen Charade. Um seine „Mission“ geheimhalten zu können, benötigt Martin eine glaubhafte Tarngeschichte für die wenigen Menschen, die sich um ihn sorgen und damit seine Mission gefährden könnten. Besonders geht es ihm um seine Mutter. Den in Berlin wohnenden Zilanovs erzählt er, dass er in einer Fabrik arbeiten und nicht erreichbar sein wird.  Seiner Mutter schreibt er, dass er nichts zu schreiben habe und sich daher auch vorerst nicht melden wird. Interessant ist, dass ihm die Form des Mediums bei seinem Wunsch, nichts zu sagen, entgegen kommt: „Space on the postcard was limited, his handwriting was large, so he did not manage to say much.“ (S. 160) Für die kommenden Wochen schreibt Martin vier Postkarten an seine Mutter vor, die er einen guten Freund aus Cambridge im Wochenabstand einzuwerfen bittet und die ihm das von ihm angenommene Zeitpolster gewähren sollen. Dreimal wird sich Darwin, der Freund, mit widerstrebendem Gefühl daran halten:

„On Thursday morning, with a dreadful feeling that he was taking part in some evil affair, he gingerly inserted the card with the earliest date into the blue mailbox next to the hotel entrance. A week passed; he posted the second card. After that he could not stand it any longer and traveled to Riga, where he visited the British consul, the Swiss consul, the General Registry, the police, but obtained no information whatever. Martin seemed to have dissolved in the air. Darwin returned to Berlin and reluctantly mailed a third postcard.“ (S. 165)

Danach melden sich die Zilanovs, das Verschwinden wird bekannt, Martin bleibt für immer abwesend und der Leser tiefberührt zurück, die postalische Facette für einen Moment vergessend…

Neben dem Brief- und Postkartenmotiv findet sich ein bei Nabokov typisches weiteres Element in „Glory“ (und ist oben bereits durch Sonias gerissene Saiten mit einer nebensächlichen Schnittmenge zur Rolle der Postkarte angedeutet): Tennis. Das zehnte Kapitel enthält beispielsweise die grandiose Beschreibung eines Duells zwischen Martin und Bob Kitson, „a professional from Nice“, der den an sich sehr guten Spieler Martin Edelweiss letztlich mit einem gut gesetzten Lob in die Niederlage zwingt. Ein besseren Service kann die zufällige Verknüpfung, die sich in der Welt so häufig ganz überraschend einstellt, gar nicht aus dem Europa der späten 1920er Jahre in die Gegenwart schlagen.

Denn im hier und heute berichtet der London Evening Standard, dass eine andere russische Persönlichkeit, die allerdings im Gegensatz zu Nabokov tief in Sibirien geborene heutige Weltklassetennisspielerin Maria Sharapova, zauberhafterweise und seit Kindheit einer philatelistischen Ader folgt. Richtig zugetraut hätte man es der gern als tough inszenierten Hochleistungssportlerin nicht. Diese sammelt aber offensichtlich seit ihren frühen Lebensjahren Briefmarken und dies nach eigenem Bekunden besonders auf den Tennisreisen durch die Welt. Und sie hofft, was alle Sammler diese Welt insgeheim hoffen: Dass eines Tages die eigenen Kinder die Sammlung übernehmen.

Und Maria Sharapova ist für die Zeitung nur ein sehr prominentes Beispiel für einen Trend, den alle an der Philatelie Interessierten von ganzem Herzen begrüßen müssen: Die Renaissance des Briefmarkensammelns. Vermeldet der Redaktionsleiter der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) im Editorial zur aktuellen Ausgabe, dass sich die Sondermarken der Post steigender Nachfrage erfreuen und in den Jahrgängen 2003 und 2004 immerhin 2,8 Milliarden dieser Briefmarken verkauft wurden (und was nebenbei leider die gräßliche Erfindung der selbstklebenden Sondermarken aufwertet), so sieht Miranda Bryant (bzw. die Briefmarken verarbeitende Künstlerin Phillipa England) für den Evening Standard im Sammeln von Briefmarken ein adäquates, da vergleichsweise preisgünstiges, Hobby für Zeiten der Rezession. Interessant wäre dazu eine vergleichende Studie. Walter Benjamins so winzige wie legendäre medien-ästhetische Betrachtung des Mediums Briefmarke datiert immerhin auf das Jahr des Berliner Schwarzen Börsenfreitags: 1927. Allerdings endet sein Text auch mit der Feststellung, dass die Zeit der Briefmarke eine auf das zwanzigste Jahrhundert begrenzte ist. Nun denn: Sammler, Nutzer und Postverwaltungen können sich durch solch eine Prophezeiung nur provoziert fühlen und ausziehen, um Benjamins Vorhersage als Irrtum bloßzustellen.

Cuba - Tennismarke 1993

„I’ve just met a girl named Maria, And suddenly that name will never be the same“ – Diese schönen Zeilen werden Serena Williams nach dem Finale in Wimbledon 2004 nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein. Wer verliert auch schon gern gegen eine Briefmarkensammlerin. Im Jahr 1993 gewann übrigens Steffi Graf gegen Jana Novotna. Die kubanische Postverwaltung wusste davon aber im Februar noch nichts und widmete daher seine Serie mit Tennisspielern lieber abstrakt dem Davis-Cup (bzw. Copa Davis Tenis de Campo)

Ein Jahrzehnt über die angegebene Lebenserwartung hinaus ist bereits erreicht und die Obstbriefmarken, die ab 02. Januar 2010 Zuschläge für die Wohlfahrtspflege sammeln sollen, sind so gestaltet, dass sie durchaus eine Attraktion auf den allgemeinen Postkunden ausüben. Die angekündigte Aromabeimischung ist dagegen ein Jux, den man eigentlich nur der Österreichischen Post zutrauen würde.

Die Botschaft ist aber eindeutig: Die Briefmarke soll ein modernes, fröhliches und zeitgeistig-originelles Produkt mit eigenständiger ästhetischer Qualität sein. Weniger Freude wird sich dagegen die etwas konzeptionsarm zusammengewürfelt erscheinende Ruhr.2010-Collage erwerben, die ebenfalls am 02.01.2010 erscheinen soll. Die kommt dann auch nicht wie die Obstmarken aus der Bundesdruckerei, sondern wird bei einem Printdienstleister namens „Bagel“ über das Band laufen…

Der aber vielleicht spannenste Fakt des Artikels liegt in der Feststellung, dass sich der Kommunikationsraum des Internets gerade nicht als Totengräber sondern als vitalisierende Instanz für die Philatelie erweisen könnte:

„Dealers say social networking sites and online retailers have made it easier for collectors to discuss their hobby and to buy and sell.“

Aus den geschätzten 50 Millionen Sammlern weltweit könnten so schnell einige mehr werden. Ein Nebeneffekt des Eindringens der Kohorte von Nutzern Sozialer Software in die Philatelie dürfte allerdings auch ein offenerer Umgang mit dem Medium Marke sein. Die aufgeklärten Digital Natives sammeln die Objekte durchaus in dem Bewusstsein, dass selbst gut zusammengestellte Kollektionen in den meisten Fällen keinen Pfifferling, höchstens einen Bovist wert sind. Damit könnten etwas mehr Unbeschwertheit und kreativ-spielerische Ansätze in die nach wie vor eher biedere Sammlergemeinschaft einziehen. Das ist keine schlechte Sache, denn Auffächerung war schon immer die besten Überlebensstrategie. Auch für das Medium Briefmarke.

Zwischen Schockblau und Joshua: Die Postkarte als popmusikalischer Aufhänger

Posted in Ansichtskarte, Sonstiges by Ben on Oktober 20, 2009

Die vermutlich berühmteste Ansichtskartenhymne der 1990er ist sicherlich Joshua Kadisons etwas süßliches „Picture Postcards from LA“, in deren Text nicht zuletzt die Materialität des Mediums beschworen wird:

„Send me postcards from L.A./ signed with love forevermore./Picture postcards from L.A./to hang on my refrigerator door.“

Wie traurig klänge dagegen „Send me E-Mails from LA/tweets to plaster my Facebook wall/A short message that you are gay/and much too shy to make the call“ – das würde nicht einmal Weird Al stehen und der hat immerhin mit „All about the Pentiums“ eine exzellente Rechenprozessor-Kantate in die Pop-Geschichte geschmettert.  Überhaupt: Wer erinnert sich nicht noch an die frühe Telekom-Werbung: „Und das sagst Du mir so einfach am Telefon?“ – Ab fuhr das Auto am Hang hinunter zum Totalschaden. „Sylvia, Sylvia bist Du noch dran?“ Mit solch einem C-Netz-Ziegel am Ohr imponiert man heute keiner/keinem Liebsten mehr. Die Liebe und das mobile Telefon passen einfach nicht so gut zusammen.

Die Postkarte dagegen ist und bleibt charmant wie eh und je . Ein zeitloses wie perfektes Objekt, dass 1968 wie 2009 noch alle Herzen höher oder tiefer schlagen lässt, wenn es im persönlichen Briefkasten aufgefunden wird. Da denkt wirklich jemand an Dich – so die Botschaft – und tippt nicht nur beim Anstehen an der Supermarktkasse eine schnöde SMS oder tweetet ein geschmackloses HDL, das sich syntaktisch nicht mehr wesentlich von FDH unterscheidet. Nein, geht jemand zum Postschalter, verlangt nassklebende Sondermarken (gern auch mit Zuschlag) und lässt die Karte sorgsam mit dem Tagesstempel versehen. Daraufhin durchläuft der materialisierte Gruß tatsächlich unzählige Beförderungsschritte und doch meint man die warme Hand der absendenden Person zu spüren, wenn man verzückt noch neben dem offenen Briefkastentürchen über die Zeilen huscht.

Es ist also kein Wunder, dass die große niederländische Band Shocking Blue das Sujet „Postkarte und Liebe“ zu einem ihrer schmissigsten Lieder formen konnten:  „Send me a postcard“.

„Before loneliness will break my heart/Send me a postcard Darling!“ Jawohl: Zeigs mir, schicks mir! Warum die Deutsche Post hieraus keinen highspeedigen wie heißblütigen Retrowerbespot strickt, weiß nur ihre Marketingabteilung allein. Steiler kann eine Vorlage für die Verknüpfung von einem Lebensgefühl wie aus dem Berliner Mauerpark im Hochsommer und einer Postsendung kaum in Töne gefasst werden.

Für alle Nordlichter, denen aufgrund mangelnder englischer Sprachkenntnisse die Botschaft des Liedes zu verschlüsselt bleiben sollte, gibt es einerseits von einer Melissa eine finnische Coverversion (Kirjoita postikorttiin)  und – zugegeben weitaus bekannter – eine Neuaufnahme in Schwedisch. Dort heißt das Lied „Skicka Ett Vykort, Älskling“ und eingespielt wurde es von keiner geringeren Band als Gyllene Tider, deren Name jeden Anhänger von Roxette sofort in Habachtstellung bringt, spielte in dieser doch der legendäre Per Gessle eine zentrale Rolle. Niederlande, Schweden, Finnland – sind das die Heimstätten kartophiler Clubhits? Nicht ganz: Im Jahr 2003 namen sich die Liverpooler Ladytron des Songs ein weiteres Mal an und so eroberte er nach den späten 1960ern noch erneut die anglophone Welt.

Die berühmteste Postkartenzeile stammt jedoch von einer anderen, vielleicht im Vergleich zu Ladytron sogar noch etwas bekannteren Liverpooler Band: In der dritten Strophe ihres gemütlichen Renteneintrittsschunklers „When I’m Sixty-Four“ hört man mit großer Freude die Zeile „Send me a postcard, drop me a line..“ Was könnte man auch anderes erwarten von den vier Pilzköpfen, die so unnachahmlich ausriefen: „Wait a minute Mister Postman!“ Nun, im Herbst 2009, warten die Briten sehnlicher denn je auf die Briefboten, allerdings wohl vergebens. Denn die Presse vermeldet (natürlich auch über das Internet):  Großbritannien steuert in bitteren Poststreik.

Die Philatelie am Alexanderplatz: Eine Antwort der Postbank auf eine Nachfrage

Posted in Postalltag, Sonstiges by Ben on Oktober 14, 2009

Immerhin: das Beschwerdemanagement bei der Deutschen Post hat seine Glanzpunkte.  Als am 30.September 2009 der Philatelieschalter der Postfiliale am Berliner Alexanderplatz (Rathausstraße 5) wider erwarten geschlossen und  sich eine bei den aktuellen Berliner Verhältnissen im Öffentlichen Nahverkehr durchaus mühsame Anfahrt auch noch als vergebens herausstellte, ging eine entsprechende Nachfrage zu den Öffnungszeiten des Schalters über das Kontaktformular von deutschepost.de in den dortigen Beschwerdegeschäftsgang.  Heute erreichte mich dann das erklärende, konkret auf den Sachverhalt bezogene Schreiben zum Thema. Es kommt, da die Zweigstelle ein Finanzzentrum der Postbank ist, von Postbank in Dortmund und ist gleich von zwei Mitarbeitern aus dem Backoffice Filialbetrieb abgezeichnet.

Das Schreiben betont zunächst die Bedeutung von Anregungen und Kritik, um den Service zu verbessern, was man als mündiger Postkunde durchaus ernst nehmen sollte. Dann wird versichert, dass die Mitarbeiter in der Filiale noch einmal „auf die Wichtigkeit von einwandfreiem und kundenorientiertem Verhalten“ hingewiesen wurden. Dazu muss ergänzt werden, dass die Mitarbeiter am Philatelieschalter in der Regel durchaus einwandfrei und kundenorientiert arbeiten – nur eben an besagtem Tag zu Mittagsstunde überhaupt nicht und ohne weitere erklärende Mitteilung.

Als Schließgründe sind laut dem Brief möglich: (1) ausnahmsweise verkürzte Arbeitszeiten, (2) Pausen, (3) Kassenübergabe. Das Backoffice der Postoffice versichert aber, dass dies durch einen Aufsteller kommuniziert wird. Die regulären Öffnungszeiten sind übrigens durchgehend von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr.

Weiterhin zu beachten ist folgendes:

„In den Finanz-Centern der Postbank, [sic!] wird derzeit der Verkauf von Einzelbriefmarken und Sondermarken gar nicht mehr oder teilweise nur eingeschränkt angeboten.“

Das bestätigt eine Alltagserfahrung ist aber angesichts der Schließung aller posteigenen Filialen alles andere als begrüßenswert. Kleine Poststellen (heute oft so genannte Postpoints) kompensieren dies ein wenig und gerade in philatelistisch nicht besonders affinen Gegenden findet man wenigstens die Ausgaben der jeweils letzten zwei Monate in der Regel im Verkauf.

Natürlich muss man immer nachfragen und wird manchmal bei Hochbetrieb von den anderen Wartenden mit vorwurfsvollen Blicken bedacht, wenn man die/den Angestellte/n dazu bringt, in den Tiefen des Verkaufstresens nach dem braunen Umschlag mit den Bögen zu suchen. Man sollte es aus meta-philatelistischen Gründen dennoch tun, denn wo Nachfrage besteht, besteht auch die Möglichkeit, dass das Angebot erhalten bleibt. Und die Kunden, die ihre Bankgeschäfte am Schalter abwickeln beanspruchen ja auch ihre Zeit und vor allem die der Mitwartenden, die vielleicht nur eine Sendung abgeben wollen. Die Verteilung ist somit immerhin halbwegs fair. Warum man allerdings nicht stärker auf das von anderen Postsystemen (Spanien, Luxemburg, etc.) und mittlerweile auch manchem Bahn-Reisezentrum bekannten Nummernsystem zurückgreift, was wenigstens die nervige und nicht mehr zeitgemäße Reihung in der Warteschlange, aus der immer das Gefühl des Bittstellers und der stechenden Blicke im Nacken in die Atmosphäre wabert, erleichtern könnte, bleibt bis  ein Rätsel. Vielleicht sollte man auch das verstärkt anregen.

Abschließend lädt der Brief aus Dortmund dazu ein, Postprodukte, also auch Briefmarken doch im Internet zu bestellen. Das mache ich intensiv und gern, bevorzugt jedoch bei ausländischen Postdiensten. Ansonsten bleibt in jedem Land der Welt sofern möglich die Neigung zum Schalter, nicht zuletzt, weil der zwischenmenschliche Kontakt und die Bitte zur sorgfältigen Stempelung auch eine Rolle spielen. So wie man seiner kulturellen Verpflichtung nachkommen sollte und ab und zu mal ein Buch nicht bei einem Internetgiganten sondern im Buchladen am Ecke erwerben sollte, so sollte man auch in dieser Beziehung die Offline-Kultur stützen. Denn sonst gibt es sie womöglich bald nicht mehr und nicht mehr aus dem Haus zu gehen, weil das ganze Leben ein virtuelles ist, scheint jedenfalls mir als nicht erstrebenswerte Verarmung desselben. Zudem: knapp fünf Euro Versand bei Bestellung unter 15 Euro sind einfach zuviel, wenn man nur mal einen Bogen Sondermarken für den aktuellen Briefverkehr erwerben möchte.

Das Schreiben endet fast rührend mit der Aussage:

„Bitte glauben Sie uns, die Geschäftspolitik der Postbank beinhaltet nicht, Kunden durch schlechten Service zu verägern.“

Das glaube ich natürlich und freue mich als Kunde der Postbank (mehr oder weniger wider Willen, denn mir geht es ja nicht um die Bank sondern um die Post), dass man mein Anliegen offensichtlich ernst nimmt. Danke.

Die Philatelie bei Walter Benjamin und im Alltag 2009.

Posted in Sonstiges by Ben on Oktober 13, 2009

Zugleich ist Benjamins Interesse von einer anderen Leidenschaft geprägt, die bis heute ein Nebenzweig der Philatelie ist, nämlich das Sammeln von Briefen und Postkarten, das auch in der „Berliner Kindheit“ erwähnt wird. „Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht“, so heißt es zu Beginn der „Briefmarken-Handlung“, „dem sagt oft eine Marke, die längst außer Kurs ist, auf einem
brüchigen Umschlag mehr als Dutzende von durchgelesenen Seiten. Manchmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und weiß dann nicht, soll man sie ablösen oder soll man die Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt eines alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat?“

In ihrer geisteswissenschaftlichen Abteilung widmet sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe (14.10.2009, Seite N4) dem Aspekt des Briefmarkensammelns bei Walther Benjamin. Der maßgebliche Text aus dem Benjamin’schen Werk ist natürlich die Briefmarken-Handlung aus seinem Buch Einbahnstraße bzw. zuerst in einer Ausgabe der Frankfurter Zeitung aus dem Jahr 1927. Die Autoren des Artikels, Detlev Schöttker und Steffen Haug, gehen aber über den eigentlichen Text hinaus und beleuchten den Kontext, u.a. die Einflüsse des Buches „Le paysan de Paris“ von Louis Aragon, Benjamins Korrespondenz mit Siegfried Kracauer zum Thema Philatelie und auch die oben zitierten Überlegungen zum Medium Postkarte, wobei sich Absatz auch speziell mit dem Phänomen der Poststempel befasst. Zuletzt erwähnen sie ein schönes Detail aus einem Manuskript zur „Briefmarken-Handlung“:

„Unter ihnen befindet sich eine Passage mit der Beschreibung einer Marke, die er vermutlich aus Moskau kannte, als er im Winter 1926 – mit dem Manuskript der „Einbahnstraße“ in der Tasche – seine großen Liebe Asja Lacis besuchte, der er das Buch gewidmet hat. Die Marke gehört zu einer dreiteiligen Serie mit dem Titel „Kräfte der Revolution“, deren Porträts auf Skulpturen von Iwan Schadr zurückgehen. Sie zeigen einen Bauern, einen Rotarmisten und einen Arbeiter, dem Benjamins eigentliche Aufmerksamkeit galt.“

Es ist sehr bedauerlich, dass die Philatelie mittlerweile zu einem Nischenphänomen geworden, den Nischenphänomen bedeutet leider auch Nischenmarkt und damit permanente Existenzbedrohung besonders in schlechten Zeiten. Wobei die Zeiten angesichts der fixen Ausrichtung auf Daueroptimierung, Einsparungsvolumina und Wachstumsraten immer schlecht sind. Der Postdienst ist tatsächlich eine Dienstleistung. Die Aufgabe der Briefmarke als national-kulturelles Repräsentationssymbol verwässert mehr und mehr in einem relativ freiem ökonomischen Spiel, was zu so absurden Phänomenen wie personalisierbaren Marken führt.

Am Schalter erfährt die Briefmarke ohnehin eine Marginalisierung und wird häufig durch Funktionsaufkleber ersetzt, die philatelistisch durchaus interessant sein können, deren Semantik sich aber tatsächlich nur noch darauf bezieht, dass bezahlt wurde. Semiotisch sind dieser Aufkleber weitgehend uninteressant. Das Abdrängen der Marken auf eine reine Produktionsschiene für den Sammlermarkt, die als Nebengeschäft des Postunternehmen läuft, für den eigentlichen Postverkehr aber keine Rolle spielt, führt zu einer allgemeinen philatelistischen Desensibilisierung. Das verringerte Brief- und Postkartenaufkommen (besonders bei denen im FAZ-Artikel erwähnten „Computer-Generationen“) spielt sicher zusätzlich in diese Entwicklung hinein.

Dazu kommen die Folgen der Automatisierung der Briefbeförderung, die mit der Ersetzung der Ortsstempel eindeutig zu einer Verarmung der Belegkultur beigetragen hat. Das Karten und Marken den Empfänger nicht selten ramponiert erreichen, ist ein weiterer Aspekt, der die Freude an der Philatelie nennenswert eintrüben kann. Wenn eine persönliche Botschaft durch einen scheußlichen Laserstempel unlesbar gemacht wird, wie es die französische Post perfektioniert hat, nimmt das jede Lust, eine Karte zu schreiben.

Die philatelistische Desensibilisierung wirkt also doppelt gerichtet und zwar auf die Postunternehmen mit ihren optimierten Beförderungsprozessen und die Postnutzer mit ihren optimierten Alltagsstrukturen. In beiden bleibt wenig Raum und Ruhe für die Auseinandersetzung mit der Briefmarkenkultur, die ganz offensichtlich ein Anachronismus ist. Aber ein sehr schöner und erhaltenswerter.

Die Briefmarke

Die Briefmarke Neukölln - Eine von wenigen Briefmarkenhandlungen, die sich in Berlin noch finden lassen. Das Schild über dem Eingang vermag dabei typographisch zu überraschen.

Ein anderes Problem liegt in der Sammlergemeinschaft selbst: Die weitreichende Fixierung auf die ökonomische Facette des Briefmarkensammelns, die Katalogwertmarkierungen über alle anderen Facetten des Sammelns und Genießens von Briefmarken stellt, wirkt auf  Außenstehende nicht sonderlich motivierend, zumal das Missverhältnis zwischen dem Überangebot und der mangelnden Nachfrage die Philatelie für Neueinsteiger zu einer denkbar schlechten Geldanlage werden lässt, die sehr viel Fachkenntnis bei meist sehr geringer Rendite erfordert. Schließlich präsentiert sich z.B. auf der Briefmarkenbörsen-Tournee ein großer Teil der Szene als geschlossener Zirkel, der wenig Interesse hat, andere Blickwinkel als die etablierten zu akzeptieren. Oft sieht man sich entweder lockeren Geschäftsleuten gegenüber, denen die Ware, die sie anbieten, weitgehend gleichgültig und Begeisterung fremd ist, oder eher verschlossenen Altorthodoxen, die einen freudvollen Umgang mit dem Medium Briefmarke grundsätzlich abzulehnen scheinen.

Wer als Außenstehender die drei führenden deutschen Fachblätter (Deutsche Briefmarkenzeitung, Briefmarkenspiegel, Deutsche Briefmarkenrevue) durchsieht, den kann es durchaus schütteln angesichts der nicht selten anzutreffenden journalistischen Dürftigkeit der Aufbereitung und der wenig einfallsreichen Ausgestaltung der Themen. Es springt wahrlich kein Funke über. Das Stamp Magazine wirkt weitaus solider, ist aber sehr auf Großbritannien fixiert und wie überhaupt ausländische Fachzeitschriften in Deutschland kaum bis nicht erhältlich. Den Schritt in eine zeitgemäße Selbstdarstellung haben insgesamt nur sehr wenige Vetreter sowohl des Briefmarkenhandels wie auch der Philatelie bisher erfolgreich vollzogen. Auch hierin liegt eine Ursache für die geringe Popularität philatelistischer Themen.

Was der Zunft der Philatelisten in der öffentlichen Wahrnehmung ebenfalls leider generell abzugehen scheint, ist der intellektuelle Anspruch im Umgang mit den postalischen Medien, wie ihn Walter Benjamin pflegte und wie er durch die Postmoderne durchgewaschen durchaus in spielerischerer, aber genauso origineller und tiefgründiger Form auch heute noch möglich wäre. Dafür scheinen schlichtweg die Akteure zu fehlen. Selbst bei großer Fantasie ist schwer vorstellbar, woher sie kommen sollen. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Briefmarke entgegen der Prophezeihung Benjamins überlebt und auch 15 Jahre Internet haben den Brief, die Postkarte und die nassklebende Marke nicht verschwinden lassen. Aber: Erreichte den Hof mit Müh und Not – möchte man sagen. Denn das, was heute sieht, wirkt nur mehr als Nachhall. Schade. Und Grund genug nassklebend zu frankieren und Handstempel am Schalter einzufordern, solange die Möglichkeit dazu besteht. Als lebensverlängerende Maßnahme also für einen der schönsten kulturellen Anachronismen, der uns aus dem 20. Jahrhundert überliefert ist. Und vielleicht auch im Andenken an einen der größten Kulturtheoretiker Europas.