postiques

Ab die Post, und zwar von postiques zum retraceblog.

Posted in Sonstiges, Sowjetunion by Ben on Dezember 20, 2015

Im Gegensatz zur Symbolkraft von Hammer und Zirkel hat sich allen Untergangsvorhersagen zum Trotz die Idee des gegenständlichen Postverkehrs keinesfalls erledigt. Das führt bisweilen zu eigenartigen Geschäftsmodellen, wie dem digitalen Handschriftendienst der Firma Bond, über den die New York Times unlängst berichtete (Eilene Zimmermann: A Handwritten Card, Signed and Sealed by the Latest Technology. nytimes.com, 16.12.2015). Die Briefkästen werden also nach wie vor und gerade zu den Jahreswenden befüllt.

Darüber hinaus bleiben unüberschaubare Massen an postalischen Botenstoffen einer anderen Zeit, nämlich des 20. Jahrhunderts, die auf Flohmärkten, in verbliebenen Briefmarkenfachgeschäften, über Internetauktionshäuser und ganz reguläre Versandhändler mit Amazon-Shop meist ungezielt, aber dafür preisgünstig verfügbar sind und aus verschiedenen Gründen einer annotierten Ausgrabung im Web – und sei es nur zur Dokumentation dieser Ephemera – geeignet sind. Man kann Briefmarken und Poststücke aus diversen Blickwinkel betrachten und beforschen. Im Januar 2016 gibt es beispielsweise eine sehr seriös anmutende Tagung „Philatelie als Kulturwissenschaft“ des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Ästhetische, motivanalytische, kommunikationsgeschichtliche Deutungsansätze sind genauso denkbar, wie auch die grundsätzliche Faszination am Objekt.

Da die Suche nach bibliophilatelistischen und bibliophilokartischen Objekte zwangsläufig das Aufkommen anderer nicht minder faszinierender, mitunter sogar noch faszinierender Stücke mit sich bringt, wurde vor einigen Jahren dieses Weblog namens postiques begründet. Seit fünf Jahren liegt es allerdings brach und es stellt sich die Frage, inwieweit eine Reaktivierung lohnt. Ein Tumblr-Strom namens postpaper folgt einem ähnlichen Ziel, allerdings mehr registrierend als annotierend. Der Weg, der die Idee einer auf Liebhaberschaft gründenden und zwangslosen Auseinandersetzung mit Briefmarken, Postkarten, Umschlägen und ähnlichen Übersehbarkeiten weiterführen soll, wird nun ein dritter sein: Das Anliegen dieser Seite wird in ein Gemeinschaftsblog integriert, dass größere thematische Spielräume zulässt und das durch seine Frische auch neu motiviert, hin und wieder eines der zahllosen Poststückchen aus einem der Kartons zu nehmen und ein wenig daran zu reflektieren. So lässt sich erstaunt erkennen, dass dank des eigensinnigen Verlaufens von Geschichte der Ersttag dieser Gedenkbriefmarke zum 47sten Jahrestag der Oktoberrevolution mit dem Tag zusammenfällt, an dem Nikita Chruschtschow gestürzt wurde. Am Führerprinzip hielt, das sich nur zu deutlich in der rotbeflaggten Illustration auf dem Erstagskuvert zeigt, hielt man in der Sowjetunion umso nachhaltiger fest und das putinistische Russland unserer Tage zeigt, dass die Attraktivität solcher Regierungsmodelle (abzüglich der Ideale der Oktoberrevolution) keinesfalls ein zu Tode dekonstruiertes Ding des 20. Jahrhunderts ist. Leider. Immerhin sind Hammer, Sichel, Ähre und Waffe in dieser Kombination vermutlich nicht mehr mehrheitsfähige Insignien. 

Umschlag Sovietunion 1964

Ersttagsumschlag Sowjetunion 14.10.1964

Dennoch bleibt die Einsicht, dass Anachronismen sehr häufig wieder weiterleben und -blühen, sei es nun als Modell des Personenkults oder im Form der Briefpost und ihrer Aura. Letzteres wird hoffentlich häufiger als das Erstgenannte im retraceblog seine Thematisierung finden. Damit wird dieses Blog auf absehbare Zeit geschlossen, was aber nicht davon abhalten soll, bei Bedarf doch noch einmal in dem einen oder anderen Posting nachzublättern.

(Ben Kaden, Berlin, 20.12.2015)

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Sowjettourismus 1966: Das Hotel Itkol im Kaukasus

Posted in Briefmarke, Sowjetunion, Stempel by Ben on September 10, 2009

Im aktuellen Beitrag des Soviet Postcards Weblog fällt ein Element unter den Tisch: Die Briefmarke auf der dritten vorgestellten Ansichtskarte des Moskauer Schwimmbads. Während bei der Karte noch über die Jahreszeit mutmaßt, positioniert sich die Briefmarke eindeutig in der Winterzeit. Bei der Höhenlage nahe des Elbrus verwundert das nicht: das Hotel Itkol (Иткол) ist in ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel im Skigebiet des Cheget (Чегет) mitten im Kaukasus gelegen, dessen Gipfel sich immerhin auf 3650 Meter hochkämpft. Die Darstellung auf der Briefmarke gibt dies nur bedingt in passender Relation wieder. Der комплекс ist in etwa dort gelegen, wo man tatsächlich auch heute noch vom Ende der Welt spricht. Dass sich das architektonisch im funktionalen Stil der 1960er mit der kleinen Extravaganz des Berghütten referenzierenden Beibaus erbauten Hotelkomplexes auf einer Briefmarke findet, lässt durchaus darauf hindeuten, dass die Sowjetunion in den 1960er Jahren ganz international ausgerichtet auch die Stilistik des damaligen Reisenkonsumkultur aufgriff. Ausgegeben wurde die Marke am 20. Juli 1966 in einem Satz zum Thema Feriengebiete.

Überhaupt ist das Ausgabeprogramm des Jahres 1966 sehr weitgefächert und eines eigenen Beitrags wert. Im Zentrum stehen die Internationalisierung, der technische Fortschritt, ruhmreiche Militärgeschichte, etwas Kulturgut, viel Raumfahrt und eine große Kiste des allgemeinen Symbolschatzes der Sowjetpolitik.

Im Januar begann man mit einem Satz zu Internationalen Kongressen, die in diesem Jahr in der Sowjetunion stattfinden sollten (z.B. dem 13. Internationalen Geflügelzuchtkongress in Kiev). Weiterhin gab es zwei Marken zum 200jährigen Bestehen der Dimitroff Porzellanfabrik und eine zur Würdigung des französischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Romain Rolland. Ende Januar (Am 31sten) wurde das 20jährigen Bestehen eines Freundschaftsvertrags zwischen der UDSSR und der Mongolei mit einer in der passenden Ornamentik gehaltenen Marke begangen, wobei die dort abgebildete Reiterfigur am 05. Februar mit der Ausgabe zur ersten weichen Landung auf dem Mond – nämlich der von Luna 9 im Oceanus Procellarum (leider nicht passend: Porcellanum) – (stattgefunden am 03. Februar 1966) kontrastiert wird. Da war er also wieder, der sowjetische Vorsprung im Wettlauf ins All.

Expeditionen gab es auch auf der Erde zu feriern und zwar neun Tage später mit den dreieckigen Sonderausgaben zu den sowjetischen Antarktisexpeditionen. Auch hier wurde Terra Incognita erobert, z.B. mit eine Reihe von Forschungsstationen im ewigen Eis –  und die Eroberung postalisch aufbereitet. Damit man aber nicht vergaß, wen man diesen Fortschritt verdankt, gab es kurz darauf die obligatorische Lenin-Briefmarke, diesmal zum 96ten Geburtstag, sowie einen Satz mit militärischen „Helden der Sowjetunion“. Auch der 23ste Kongress der KPdSU, bei dem man unter dem Generalsekretär Leonid Breschnew  zu einer härteren Gangart zurückfand, erhielt pünktlich zur Eröffnung am 29.02. seine Sondermarke. Zu seinem Ausklang im März erschien dann noch ein rot-silberner Gedenkblock in klassischem sozialistischen Repräsentationsdesign. Zwei weitere Marken im Februar würdigten Kinofilme. Als gestalterisch interessanter präsentiert sich die Sonderausgabe zur Ständigen Versammlung der All-Unionsphilatelisten, die die Allunionsausstellung und Lenin schön aufeinander blendet. Die Dreieckformkehrte kehren zur Emission anlässlich der Winterspartakiade in Sverdlovsk wieder, der Satz zu den zeitgenössischen Verkehrsmitteln und -wegen erscheint dagegen wieder in schlichter rechteckiger Einfachheit.

Was gab es noch im ersten Quartal 1966 zu feiern und mit Briefmarken zu bedenken? Da wäre der 40ste Jahrestag der ASSR Kirgisien, die tiefrot das Sowjetgebäude in der Hauptstadt Frunse (heute Bischkek) mit orientalisierender Rahmung zeigt. Ebenfalls gewürdigt wird Sergei Kirow, dessen Ermordung im Dezember 1934 als der Startschuß für das politische Säuberungswüten Stalins gilt. An seiner Seite gedachte man 1966 philatelistisch Grigori Ordschonikidse, einst Volkskommissar für Schwerindustrie, im Februar 1937 tot in seiner Wohnung im Kreml aufgefunden wurde, was damals die ganze Sowjetunion erschütterte. Offiziell wurde sein (wahrscheinlicher) Selbstmord in einen Herzinfarkt umgedeutet und auf dem Titelfoto der Pravda, das den aufgebahrten Ordschonikidse umringt von Stalin, Molotow, etc. zeigt, ist die Schussverletzung, mit der er wohl gefunden wurde, auch nicht zu sehen. Den Oktoberevolutionär und 1937 im allgemeinen Furor mitsamt Frau und Verwandschaft exekutierten Iona Jakir gab es als dritten im Bunde am Briefmarkenschalter.

Nach drei Opfern der 1930er Jahre feierte man am 30 .März vier sowjetische Naturwissenschaftler aus den boomenden Disziplinen Mineralogie, Mikrobiologie, Physik und natürlich Polarforschung. Da Luna 10 mittlerweile auch im Orbit war, gab es Anfang April die nächste Raumfahrtausgaben. Die restlichen Ausgaben (inklusive einer zu Ehren Ernst Thälmanns und einer zu Ehren Wilhelm Piecks sowie zum Sieg des sowjetischen Eishockey Nationalteams bei der Weltmeisterschaft in Ljubljana müssen allerdings aus Zeitgründen ein anderes Mal referiert werden. Wie gesagt:  In ihrer Spannung und ihrem Aufschlußreichtum ähnelt die sowjetische Philateliegeschichte durchaus der Ansichtskartenhistorie.

Jetzt soll jedoch der Blick noch einmal zurück auf die schönen Tourismus-Marke fallen, auf der die Kiefern und mehr noch die Limousine – schätzungsweise ein Tschaika GAZ 14 – begeistern.

Briefmarke Tourismus

Briefmarke Tourismus

Vorder- und Rückseite der Ansichtskarte, die von Moskau nach Prag 9 (Vysočany), also an östlichen Stadtrand,  in eine kleine Straße namens Zbuzkova unweit der dortigen Bahnstation lief, sind auf sovietpostcards abgebildet. Eine händische Datierung ist auf die Karte nicht aufgebracht, der – leider etwas verschmierte – Poststempel datiert auf den 04.10.1966. Die Stempelung erfolgte in Moskau und umfasst neben dem Ortsstempel auch einen Beistempel „международные“ = international. Vielmehr lässt sich auf die Schnelle nicht ablesen und somit soll es mit dieser kurzen Betrachtung auch genug sein.

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Umschlag: Sowjetunion LURABA ’81

Posted in Ganzsache, Sowjetunion by Ben on November 12, 2008
LURABA ’81

Ganzsache LURABA ’81

Gelaufen am 07.September 1981 von Kiev nach Eisenhüttenstadt. Ausgabe der Sowjetunion zur Aerophilatelie Ausstellung LUBARA in Luzern, die vom 20.-29. März 1981 im dortigen Verkehrshaus der Schweiz stattfand. Nennwert: 32 Kopeken.

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