Nabokov, Benjamin und Sharapova – einige philatelistische Marginalien
“Most of all Martin felt sorry for the originality of the deceased, who was truly irreplaceable – his gestures, his beard, his sculpturesque wrinkles, the sudden shy smile, the jacket button that hung by a thread, and his way of licking a stamp with his entire tongue before sticking it with his fist. In a certain sense this was all of greater value than the social merits for which there existed such easy little clichés, [...]” – Vladimir Nabokov, Glory. Ausgabe Penguin Classics, 2006, S. 117)
Vladimir Nabokovs früher Roman “Glory” (geschrieben 1930 , Originaltitel: Подвиг, Deutsch: Die Mutprobe) ist schon für sich genommen eine Perle der Literatur. Wirklich spannend wird es jedoch, wenn man den Spuren folgt, welche die postalischen Elemente innerhalb des Romans auslegen. Die eingangs zitierte Passage fällt ein wenig aus dem Rahmen, da sie nicht die Hauptperson Martin Edelweiss per Postkarte oder Brief mit anderen Protagonisten verbindet, sondern die Beschreibung eines Dritten enthält. Im 35sten Kapitel des Buches beschreibt Nabokov Martins Sicht auf die Würdigung eines Verstorbenen im Emigrantenmilieu Berlins der 1920er Jahre. Beim Lesen des Nachrufs überkommt die Hauptfigur der Gedanke, wie eitel und nutzlos und vor allem austauschbar derartige Würdigungen sind, wie sie die eigentlichen Besonderheiten eines Menschen verfehlen und ihn stattdessen im Dienst einer Sache egalisieren. Martin beschließt daraufhin, sich jeder politischen Parteinahme zu entziehen und setzt dies schließlich in einer unglaublichen und bewunderswert nutzlosen Form um.
Abgesehen von der Erinnerung an den Briefmarken klebenden und hämmernden Iogolevich finden sich zahlreiche Erwähnungen des Abschickens, Erhaltens und Lesens von Briefen. Die faszinierenste und in der Rückschau vielleicht ergreifenste Stelle markiert der Brief, den Martin im Kapitel 18 aus Cambridge an seine Mutter sendet und mit der die Beschreibung des Briefeschreibtätigkeit Martins einsetzt – ein Bild das einen der vielen Fäden durch den Roman zieht.
“He scribbled ten lines or so [...] Suddenly, in his mind, he saw the mailman walking across the snow; the snow crunched slightly, and blue footprints remained on it. He described it thus: ‘ My letter will be brought by the mailman. It is raining here.’ He thought it over and crossed the mailman, leaving only the rain. He wrote out the address in a large and careful hand, [...] He inadvertently made a blot in a corner of the envelope. He squinted at it for a long time, and finally made it into a black cat seen from the back. Mrs. Edelweiss preserved this envelope along with his letters. She would gather them into a batch at the end of each semester and tie them crosswise with a ribbon. Several years later she had occasion to reread them. The first-semester letters were relatively abundant. [...] and her was a letter with the crossed-out but distinctly legible line ‘My letter will be brought by the mailman.’ Mrs. Edelweiss recalled with piercing clarity how she used to walk with Henry along the scintillating road between fir trees weighted down by lumps of snow, and suddenly there was the rich tinkling of multiple bells, the postal sleigh, the letter, and she hastened to take off her gloves in order to open the envelope.” (S. 59f.)
Galanter wurde selten in der Literaturgeschichte durch die Formulierung einer Zeile und die Beschreibung der Ankunft eines Briefes eine Handlungsstrang derart über 20 Kapitel hinweg mit einer Randbemerkung (“Mehrere Jahr später..”) angedeutet. Und der klingelnd durch den Schnee einer Schweizer Bergidylle hastende Postschlitten ist zusätzlich ein wunderschönes Motiv.
Die Sehnsucht seiner Mutter reproduzierend, die in den banalen Zeilen ihres Sohnes dessen Glück abgesichert zu sehen versucht, liest Martin im Kapitel 27 die Postkarte seiner vergeblichen Liebe Sonia. Spannend ist die indirekte Vorwegnahme des gescheiterten postalischen Grußes zwei Seiten zuvor. Sonias Familie, die Emigrantenfamilie Zilanov, räumen gerade nach einem Schicksalsschlag ihren Hausstand zusammen, um nach Berlin überzusiedeln. Martin stolpert zufällig in das Geschehen und steht mehr im Weg, als dass er etwas Sinnvolles beitragen kann. Vielmehr bahnt sich eine Aussprache mit Sonia an, die von ihrem Vater gestört wird, der mit den Worten “Didn’t I say to leave my desk alone? Now the ashtray has disappeared, it had two stamps in it.” (S.95) ins Zimmer platzt und gleich wieder verschwindet. Danach ist mit den Briefmarken im Aschenbecher das Motiv scheinbar verschwunden. Kurz darauf – in der Handlung eine Woche später – erhält Martin jedoch Post von Sonia, “a postcard with a view of the Brandenburg Gate crossed by Sonia’s spidery handwriting, which he spent a long time deciphering, trying in vain to read a hidden meaning into trivial words.” (S.98). Selbstverständlich muss sie für die Ansichtskarte aus Deutschland eine andere Marke verwendet haben, als sie in London nötig gewesen wäre. Dennoch scheint der Leser durch die Erwähnung gerade der fehlenden Postwertzeichen vorbereitet. Wie seine Mutter in der Lektüre seiner Briefe eigentlich nichts von Belang entdecken konnte, sie aber wieder und wieder las, sucht auch Martin in der Botschaft seiner unerwidert Geliebten nach einem Inhalt, den es schlicht nicht gibt. Die zwei Marken in London mögen zufällig in das Kapitel geraten sein. Sie unterstreichen aber mindestens ein weiteres Mal die Bedeutung des Postverkehrs für die Kommunikation der Figuren in diesem Roman.
Im Kapitel 34 erhält er eine weitere Karte von Sonia. Mit dieser antwortet sie auf einen Brief, in den Martin, immer noch an die Möglichkeit einer Wechselseitigkeit der Zuneigung glaubend, augenscheinlich viel Hoffnung setzte, der aber mit der Plattheit der Replik nahezu bloßgestellt, in jedem Fall missachtet wird:
“He wrote her a letter, and stayed away for several days. She replied a week or so later with a color postcard showing a pretty boy bending over the back of a green bench on which sat a pretty girl, admiring a bouquet of roses, with a German rhyme in gilt letters at the bottom: ‘Let a true heart leave unsaid what is told by roses red.’ On the reverse Sonia had scribbled: ‘Aren’t they sweet? That’s real courtship for you. Look, I need your assistance, three strings have snapped on my racket.’ And not a word about the letter.” (S.119)
Doch: Kartenmotiv, Reim und jedes Wort sind auf den Brief gerichtet. So aufrichtig Martin zu lieben glaubt, um sich später auf eine harte Form von der Zuneigung zu Sonia zu emanzipieren, so sehr demütigt sie ihn, indem sie ihn auf eine ihm unzugängliche vulgär-kitschige Romantik als Ideal stößt und im gleichen Augenblick seine Hilfe für den profanen Dienst der Reparatur eines Tennisschlägers beansprucht. Hätte sie ohne dieses Problem überhaupt auf den vermutlich herzblutligen Brief reagiert?
Eine weitere sehr schöne Stelle findet sich im Kapitel zu Martins Frankreich-Aufenthalt. Dort versuchte er ein alternatives Leben und es gelang ihm temporär. Seiner Mutter als verbliebener realer Fixpunkt seiner Existenz schreibt er aus dem Postamt eines Dorfes namens Molignac eine Postkarte, die sie anscheinend über den Aufenthalt dort informieren soll. Den genauen Inhalt verschweigt Nabokov. Er beschleunigt aber die Handlung mit einem perfekt platzierten Nachsatz: “That postcard was the first of a new little batch of letters which Mrs. Edelweiss stored in her chest of drawers: the penultimate batch.” (S.132)
Ein letztes Mal rücken Postkarten ins Zentrum der Handlung, als Martin seine Mutprobe, die aus einem so grundlosen wie illegalen und angesichts der sowjetischen Sabotage-Paranoia hochgradig gefährlichen Übertritt über die sowjetische Grenze besteht, auszuführen beginnt. Noch einmal ist Berlin Startpunkt. Die Postkarten sind Teil einer postalischen Charade. Um seine “Mission” geheimhalten zu können, benötigt Martin eine glaubhafte Tarngeschichte für die wenigen Menschen, die sich um ihn sorgen und damit seine Mission gefährden könnten. Besonders geht es ihm um seine Mutter. Den in Berlin wohnenden Zilanovs erzählt er, dass er in einer Fabrik arbeiten und nicht erreichbar sein wird. Seiner Mutter schreibt er, dass er nichts zu schreiben habe und sich daher auch vorerst nicht melden wird. Interessant ist, dass ihm die Form des Mediums bei seinem Wunsch, nichts zu sagen, entgegen kommt: “Space on the postcard was limited, his handwriting was large, so he did not manage to say much.” (S. 160) Für die kommenden Wochen schreibt Martin vier Postkarten an seine Mutter vor, die er einen guten Freund aus Cambridge im Wochenabstand einzuwerfen bittet und die ihm das von ihm angenommene Zeitpolster gewähren sollen. Dreimal wird sich Darwin, der Freund, mit widerstrebendem Gefühl daran halten:
“On Thursday morning, with a dreadful feeling that he was taking part in some evil affair, he gingerly inserted the card with the earliest date into the blue mailbox next to the hotel entrance. A week passed; he posted the second card. After that he could not stand it any longer and traveled to Riga, where he visited the British consul, the Swiss consul, the General Registry, the police, but obtained no information whatever. Martin seemed to have dissolved in the air. Darwin returned to Berlin and reluctantly mailed a third postcard.” (S. 165)
Danach melden sich die Zilanovs, das Verschwinden wird bekannt, Martin bleibt für immer abwesend und der Leser tiefberührt zurück, die postalische Facette für einen Moment vergessend…
Neben dem Brief- und Postkartenmotiv findet sich ein bei Nabokov typisches weiteres Element in “Glory” (und ist oben bereits durch Sonias gerissene Saiten mit einer nebensächlichen Schnittmenge zur Rolle der Postkarte angedeutet): Tennis. Das zehnte Kapitel enthält beispielsweise die grandiose Beschreibung eines Duells zwischen Martin und Bob Kitson, “a professional from Nice”, der den an sich sehr guten Spieler Martin Edelweiss letztlich mit einem gut gesetzten Lob in die Niederlage zwingt. Ein besseren Service kann die zufällige Verknüpfung, die sich in der Welt so häufig ganz überraschend einstellt, gar nicht aus dem Europa der späten 1920er Jahre in die Gegenwart schlagen.
Denn im hier und heute berichtet der London Evening Standard, dass eine andere russische Persönlichkeit, die allerdings im Gegensatz zu Nabokov tief in Sibirien geborene heutige Weltklassetennisspielerin Maria Sharapova, zauberhafterweise und seit Kindheit einer philatelistischen Ader folgt. Richtig zugetraut hätte man es der gern als tough inszenierten Hochleistungssportlerin nicht. Diese sammelt aber offensichtlich seit ihren frühen Lebensjahren Briefmarken und dies nach eigenem Bekunden besonders auf den Tennisreisen durch die Welt. Und sie hofft, was alle Sammler diese Welt insgeheim hoffen: Dass eines Tages die eigenen Kinder die Sammlung übernehmen.
Und Maria Sharapova ist für die Zeitung nur ein sehr prominentes Beispiel für einen Trend, den alle an der Philatelie Interessierten von ganzem Herzen begrüßen müssen: Die Renaissance des Briefmarkensammelns. Vermeldet der Redaktionsleiter der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) im Editorial zur aktuellen Ausgabe, dass sich die Sondermarken der Post steigender Nachfrage erfreuen und in den Jahrgängen 2003 und 2004 immerhin 2,8 Milliarden dieser Briefmarken verkauft wurden (und nebenbei leider die gräßliche Erfindung der selbstklebenden Sondermarken aufwertet), so sieht Miranda Bryant (bzw. die Briefmarken verarbeitende Künstlerin Phillipa England) für den Evening Standard im Sammeln von Briefmarken ein adäquates, da vergleichsweise preisgünstiges, Hobby für Zeiten der Rezession. Interessant wäre dazu eine vergleichende Studie. Walter Benjamins so winzige wie legendäre medien-ästhetische Betrachtung des Mediums Briefmarke datiert immerhin auf das Jahr des Berliner Schwarzen Börsenfreitags: 1927. Allerdings endet sein Text auch mit der Feststellung, dass die Zeit der Briefmarke eine auf das zwanzigste Jahrhundert begrenzte ist. Nun denn: Sammler, Nutzer und Postverwaltungen können sich durch solch eine Prophezeiung nur provoziert fühlen und ausziehen, um Benjamins Vorhersage als Irrtum bloßzustellen.

"I've just met a girl named Maria, And suddenly that name Will never be the same" - Diese schönen Zeilen werden Serena Williams nach dem Finale in Wimbledon 2004 nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein. Wer verliert auch schon gern gegen eine Briefmarkensammlerin. Im Jahr 1993 gewann übrigens Steffi Graf gegen Jana Novotna. Die kubanische Postverwaltung wusste davon aber im Februar noch nichts und widmete daher seine Serie mit Tennisspielern lieber abstrakt dem Davis-Cup (bzw. Copa Davis Tenis de Campo)
Ein Jahrzehnt über die angegebene Lebenserwartung hinaus ist bereits erreicht und die Obstbriefmarken, die ab 02. Januar 2010 Zuschläge für die Wohlfahrtspflege sammeln sollen, sind so gestaltet, dass sie durchaus eine Attraktion auf den allgemeinen Postkunden ausüben. Die angekündigte Aromabeimischung ist dagegen ein Jux, den man eigentlich nur der Österreichischen Post zutrauen würde.
Die Botschaft ist aber eindeutig: Die Briefmarke soll ein modernes, fröhliches und zeitgeistig-originelles Produkt mit eigenständiger ästhetischer Qualität sein. Weniger Freude wird sich dagegen die etwas konzeptionsarm zusammengewürfelt erscheinende Ruhr.2010-Collage erwerben, die ebenfalls am 02.01.2010 erscheinen soll. Die kommt dann auch nicht wie die Obstmarken aus der Bundesdruckerei, sondern wird bei einem Printdienstleister namens “Bagel” über das Band laufen…
Der aber vielleicht spannenste Fakt des Artikels liegt in der Feststellung, dass sich der Kommunikationsraum des Internets gerade nicht als Totengräber sondern als vitalisierende Instanz für die Philatelie erweisen könnte:
“Dealers say social networking sites and online retailers have made it easier for collectors to discuss their hobby and to buy and sell.”
Aus den geschätzten 50 Millionen Sammlern weltweit könnten so schnell einige mehr werden. Ein Nebeneffekt des Eindringens der Kohorte von Nutzern Sozialer Software in die Philatelie dürfte allerdings auch ein offenerer Umgang mit dem Medium Marke sein. Die aufgeklärten Digital Natives sammeln die Objekte durchaus in dem Bewusstsein, dass selbst gut zusammengestellte Kollektionen in den meisten Fällen keinen Pfifferling, höchstens einen Bovist wert sind. Damit könnten etwas mehr Unbeschwertheit und kreativ-spielerische Ansätze in die nach wie vor eher biedere Sammlergemeinschaft einziehen. Das ist keine schlechte Sache, denn Auffächerung war schon immer die besten Überlebensstrategie. Auch für das Medium Briefmarke.
Zwischen Schockblau und Joshua: Die Postkarte als popmusikalischer Aufhänger
Die vermutlich berühmteste Ansichtskartenhymne der 1990er ist sicherlich Joshua Kadisons etwas süßliches “Picture Postcards from LA”, in deren Text nicht zuletzt die Materialität des Mediums beschworen wird:
“Send me postcards from L.A./ signed with love forevermore./Picture postcards from L.A./to hang on my refrigerator door.”
Wie traurig klänge dagegen “Send me E-Mails from LA/tweets to plaster my Facebook wall/A short message that you are gay/and much too shy to make the call” – das würde nicht einmal Weird Al stehen und der hat immerhin mit “All about the Pentiums” eine exzellente Rechenprozessor-Kantate in die Pop-Geschichte geschmettert. Überhaupt: Wer erinnert sich nicht noch an die frühe Telekom-Werbung: “Und das sagst Du mir so einfach am Telefon?” – Ab fuhr das Auto am Hang hinunter zum Totalschaden. “Sylvia, Sylvia bist Du noch dran?” Mit solch einem C-Netz-Ziegel am Ohr imponiert man heute keiner/keinem Liebsten mehr. Die Liebe und das mobile Telefon passen einfach nicht so gut zusammen.
Die Postkarte dagegen ist und bleibt charmant wie eh und je . Ein zeitloses wie perfektes Objekt, dass 1968 wie 2009 noch alle Herzen höher oder tiefer schlagen lässt, wenn es im persönlichen Briefkasten aufgefunden wird. Da denkt wirklich jemand an Dich – so die Botschaft – und tippt nicht nur beim Anstehen an der Supermarktkasse eine schnöde SMS oder tweetet ein geschmackloses HDL, das sich syntaktisch nicht mehr wesentlich von FDH unterscheidet. Nein, geht jemand zum Postschalter, verlangt nassklebende Sondermarken (gern auch mit Zuschlag) und lässt die Karte sorgsam mit dem Tagesstempel versehen. Daraufhin durchläuft der materialisierte Gruß tatsächlich unzählige Beförderungsschritte und doch meint man die warme Hand der absendenden Person zu spüren, wenn man verzückt noch neben dem offenen Briefkastentürchen über die Zeilen huscht.
Es ist also kein Wunder, dass die große niederländische Band Shocking Blue das Sujet “Postkarte und Liebe” zu einem ihrer schmissigsten Lieder formen konnten: “Send me a postcard”.
“Before loneliness will break my heart/Send me a postcard Darling!” Jawohl: Zeigs mir, schicks mir! Warum die Deutsche Post hieraus keinen highspeedigen wie heißblütigen Retrowerbespot strickt, weiß nur ihre Marketingabteilung allein. Steiler kann eine Vorlage für die Verknüpfung von einem Lebensgefühl wie aus dem Berliner Mauerpark im Hochsommer und einer Postsendung kaum in Töne gefasst werden.
Für alle Nordlichter, denen aufgrund mangelnder englischer Sprachkenntnisse die Botschaft des Liedes zu verschlüsselt bleiben sollte, gibt es einerseits von einer Melissa eine finnische Coverversion (Kirjoita postikorttiin) und – zugegeben weitaus bekannter – eine Neuaufnahme in Schwedisch. Dort heißt das Lied “Skicka Ett Vykort, Älskling” und eingespielt wurde es von keiner geringeren Band als Gyllene Tider, deren Name jeden Anhänger von Roxette sofort in Habachtstellung bringt, spielte in dieser doch der legendäre Per Gessle eine zentrale Rolle. Niederlande, Schweden, Finnland – sind das die Heimstätten kartophiler Clubhits? Nicht ganz: Im Jahr 2003 namen sich die Liverpooler Ladytron des Songs ein weiteres Mal an und so eroberte er nach den späten 1960ern noch erneut die anglophone Welt.
Die berühmteste Postkartenzeile stammt jedoch von einer anderen, vielleicht im Vergleich zu Ladytron sogar noch etwas bekannteren Liverpooler Band: In der dritten Strophe ihres gemütlichen Renteneintrittsschunklers “When I’m Sixty-Four” hört man mit großer Freude die Zeile “Send me a postcard, drop me a line..” Was könnte man auch anderes erwarten von den vier Pilzköpfen, die so unnachahmlich ausriefen: “Wait a minute Mister Postman!” Nun, im Herbst 2009, warten die Briten sehnlicher denn je auf die Briefboten, allerdings wohl vergebens. Denn die Presse vermeldet (natürlich auch über das Internet): Großbritannien steuert in bitteren Poststreik.
Die Philatelie am Alexanderplatz: Eine Antwort der Postbank auf eine Nachfrage
Immerhin: das Beschwerdemanagement bei der Deutschen Post hat seine Glanzpunkte. Als am 30.September 2009 der Philatelieschalter der Postfiliale am Berliner Alexanderplatz (Rathausstraße 5) wider erwarten geschlossen und sich eine bei den aktuellen Berliner Verhältnissen im Öffentlichen Nahverkehr durchaus mühsame Anfahrt auch noch als vergebens herausstellte, ging eine entsprechende Nachfrage zu den Öffnungszeiten des Schalters über das Kontaktformular von deutschepost.de in den dortigen Beschwerdegeschäftsgang. Heute erreichte mich dann das erklärende, konkret auf den Sachverhalt bezogene Schreiben zum Thema. Es kommt, da die Zweigstelle ein Finanzzentrum der Postbank ist, von Postbank in Dortmund und ist gleich von zwei Mitarbeitern aus dem Backoffice Filialbetrieb abgezeichnet.
Das Schreiben betont zunächst die Bedeutung von Anregungen und Kritik, um den Service zu verbessern, was man als mündiger Postkunde durchaus ernst nehmen sollte. Dann wird versichert, dass die Mitarbeiter in der Filiale noch einmal “auf die Wichtigkeit von einwandfreiem und kundenorientiertem Verhalten” hingewiesen wurden. Dazu muss ergänzt werden, dass die Mitarbeiter am Philatelieschalter in der Regel durchaus einwandfrei und kundenorientiert arbeiten – nur eben an besagtem Tag zu Mittagsstunde überhaupt nicht und ohne weitere erklärende Mitteilung.
Als Schließgründe sind laut dem Brief möglich: (1) ausnahmsweise verkürzte Arbeitszeiten, (2) Pausen, (3) Kassenübergabe. Das Backoffice der Postoffice versichert aber, dass dies durch einen Aufsteller kommuniziert wird. Die regulären Öffnungszeiten sind übrigens durchgehend von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr.
Weiterhin zu beachten ist folgendes:
“In den Finanz-Centern der Postbank, [sic!] wird derzeit der Verkauf von Einzelbriefmarken und Sondermarken gar nicht mehr oder teilweise nur eingeschränkt angeboten.”
Das bestätigt eine Alltagserfahrung ist aber angesichts der Schließung aller posteigenen Filialen alles andere als begrüßenswert. Kleine Poststellen (heute oft so genannte Postpoints) kompensieren dies ein wenig und gerade in philatelistisch nicht besonders affinen Gegenden findet man wenigstens die Ausgaben der jeweils letzten zwei Monate in der Regel im Verkauf.
Natürlich muss man immer nachfragen und wird manchmal bei Hochbetrieb von den anderen Wartenden mit vorwurfsvollen Blicken bedacht, wenn man die/den Angestellte/n dazu bringt, in den Tiefen des Verkaufstresens nach dem braunen Umschlag mit den Bögen zu suchen. Man sollte es aus meta-philatelistischen Gründen dennoch tun, denn wo Nachfrage besteht, besteht auch die Möglichkeit, dass das Angebot erhalten bleibt. Und die Kunden, die ihre Bankgeschäfte am Schalter abwickeln beanspruchen ja auch ihre Zeit und vor allem die der Mitwartenden, die vielleicht nur eine Sendung abgeben wollen. Die Verteilung ist somit immerhin halbwegs fair. Warum man allerdings nicht stärker auf das von anderen Postsystemen (Spanien, Luxemburg, etc.) und mittlerweile auch manchem Bahn-Reisezentrum bekannten Nummernsystem zurückgreift, was wenigstens die nervige und nicht mehr zeitgemäße Reihung in der Warteschlange, aus der immer das Gefühl des Bittstellers und der stechenden Blicke im Nacken in die Atmosphäre wabert, erleichtern könnte, bleibt bis ein Rätsel. Vielleicht sollte man auch das verstärkt anregen.
Abschließend lädt der Brief aus Dortmund dazu ein, Postprodukte, also auch Briefmarken doch im Internet zu bestellen. Das mache ich intensiv und gern, bevorzugt jedoch bei ausländischen Postdiensten. Ansonsten bleibt in jedem Land der Welt sofern möglich die Neigung zum Schalter, nicht zuletzt, weil der zwischenmenschliche Kontakt und die Bitte zur sorgfältigen Stempelung auch eine Rolle spielen. So wie man seiner kulturellen Verpflichtung nachkommen sollte und ab und zu mal ein Buch nicht bei einem Internetgiganten sondern im Buchladen am Ecke erwerben sollte, so sollte man auch in dieser Beziehung die Offline-Kultur stützen. Denn sonst gibt es sie womöglich bald nicht mehr und nicht mehr aus dem Haus zu gehen, weil das ganze Leben ein virtuelles ist, scheint jedenfalls mir als nicht erstrebenswerte Verarmung desselben. Zudem: knapp fünf Euro Versand bei Bestellung unter 15 Euro sind einfach zuviel, wenn man nur mal einen Bogen Sondermarken für den aktuellen Briefverkehr erwerben möchte.
Das Schreiben endet fast rührend mit der Aussage:
“Bitte glauben Sie uns, die Geschäftspolitik der Postbank beinhaltet nicht, Kunden durch schlechten Service zu verägern.”
Das glaube ich natürlich und freue mich als Kunde der Postbank (mehr oder weniger wider Willen, denn mir geht es ja nicht um die Bank sondern um die Post), dass man mein Anliegen offensichtlich ernst nimmt. Danke.
Die Philatelie bei Walter Benjamin und im Alltag 2009.
Zugleich ist Benjamins Interesse von einer anderen Leidenschaft geprägt, die bis heute ein Nebenzweig der Philatelie ist, nämlich das Sammeln von Briefen und Postkarten, das auch in der „Berliner Kindheit“ erwähnt wird. „Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht“, so heißt es zu Beginn der „Briefmarken-Handlung“, „dem sagt oft eine Marke, die längst außer Kurs ist, auf einem
brüchigen Umschlag mehr als Dutzende von durchgelesenen Seiten. Manchmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und weiß dann nicht, soll man sie ablösen oder soll man die Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt eines alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat?“
In ihrer geisteswissenschaftlichen Abteilung widmet sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe (14.10.2009, Seite N4) dem Aspekt des Briefmarkensammelns bei Walther Benjamin. Der maßgebliche Text aus dem Benjamin’schen Werk ist natürlich die Briefmarken-Handlung aus seinem Buch Einbahnstraße bzw. zuerst in einer Ausgabe der Frankfurter Zeitung aus dem Jahr 1927. Die Autoren des Artikels, Detlev Schöttker und Steffen Haug, gehen aber über den eigentlichen Text hinaus und beleuchten den Kontext, u.a. die Einflüsse des Buches „Le paysan de Paris“ von Louis Aragon, Benjamins Korrespondenz mit Siegfried Kracauer zum Thema Philatelie und auch die oben zitierten Überlegungen zum Medium Postkarte, wobei sich Absatz auch speziell mit dem Phänomen der Poststempel befasst. Zuletzt erwähnen sie ein schönes Detail aus einem Manuskript zur “Briefmarken-Handlung”:
“Unter ihnen befindet sich eine Passage mit der Beschreibung einer Marke, die er vermutlich aus Moskau kannte, als er im Winter 1926 – mit dem Manuskript der „Einbahnstraße“ in der Tasche – seine großen Liebe Asja Lacis besuchte, der er das Buch gewidmet hat. Die Marke gehört zu einer dreiteiligen Serie mit dem Titel „Kräfte der Revolution“, deren Porträts auf Skulpturen von Iwan Schadr zurückgehen. Sie zeigen einen Bauern, einen Rotarmisten und einen Arbeiter, dem Benjamins eigentliche Aufmerksamkeit galt.”
Es ist sehr bedauerlich, dass die Philatelie mittlerweile zu einem Nischenphänomen geworden, den Nischenphänomen bedeutet leider auch Nischenmarkt und damit permanente Existenzbedrohung besonders in schlechten Zeiten. Wobei die Zeiten angesichts der fixen Ausrichtung auf Daueroptimierung, Einsparungsvolumina und Wachstumsraten immer schlecht sind. Der Postdienst ist tatsächlich eine Dienstleistung. Die Aufgabe der Briefmarke als national-kulturelles Repräsentationssymbol verwässert mehr und mehr in einem relativ freiem ökonomischen Spiel, was zu so absurden Phänomenen wie personalisierbaren Marken führt.
Am Schalter erfährt die Briefmarke ohnehin eine Marginalisierung und wird häufig durch Funktionsaufkleber ersetzt, die philatelistisch durchaus interessant sein können, deren Semantik sich aber tatsächlich nur noch darauf bezieht, dass bezahlt wurde. Semiotisch sind dieser Aufkleber weitgehend uninteressant. Das Abdrängen der Marken auf eine reine Produktionsschiene für den Sammlermarkt, die als Nebengeschäft des Postunternehmen läuft, für den eigentlichen Postverkehr aber keine Rolle spielt, führt zu einer allgemeinen philatelistischen Desensibilisierung. Das verringerte Brief- und Postkartenaufkommen (besonders bei denen im FAZ-Artikel erwähnten “Computer-Generationen”) spielt sicher zusätzlich in diese Entwicklung hinein.
Dazu kommen die Folgen der Automatisierung der Briefbeförderung, die mit der Ersetzung der Ortsstempel eindeutig zu einer Verarmung der Belegkultur beigetragen hat. Das Karten und Marken den Empfänger nicht selten ramponiert erreichen, ist ein weiterer Aspekt, der die Freude an der Philatelie nennenswert eintrüben kann. Wenn eine persönliche Botschaft durch einen scheußlichen Laserstempel unlesbar gemacht wird, wie es die französische Post perfektioniert hat, nimmt das jede Lust, eine Karte zu schreiben.
Die philatelistische Desensibilisierung wirkt also doppelt gerichtet und zwar auf die Postunternehmen mit ihren optimierten Beförderungsprozessen und die Postnutzer mit ihren optimierten Alltagsstrukturen. In beiden bleibt wenig Raum und Ruhe für die Auseinandersetzung mit der Briefmarkenkultur, die ganz offensichtlich ein Anachronismus ist. Aber ein sehr schöner und erhaltenswerter.

Die Briefmarke Neukölln - Eine von wenigen Briefmarkenhandlungen, die sich in Berlin noch finden lassen. Das Schild über dem Eingang vermag dabei typographisch zu überraschen.
Ein anderes Problem liegt in der Sammlergemeinschaft selbst: Die weitreichende Fixierung auf die ökonomische Facette des Briefmarkensammelns, die Katalogwertmarkierungen über alle anderen Facetten des Sammelns und Genießens von Briefmarken stellt, wirkt auf Außenstehende nicht sonderlich motivierend, zumal das Missverhältnis zwischen dem Überangebot und der mangelnden Nachfrage die Philatelie für Neueinsteiger zu einer denkbar schlechten Geldanlage werden lässt, die sehr viel Fachkenntnis bei meist sehr geringer Rendite erfordert. Schließlich präsentiert sich z.B. auf der Briefmarkenbörsen-Tournee ein großer Teil der Szene als geschlossener Zirkel, der wenig Interesse hat, andere Blickwinkel als die etablierten zu akzeptieren. Oft sieht man sich entweder lockeren Geschäftsleuten gegenüber, denen die Ware, die sie anbieten, weitgehend gleichgültig und Begeisterung fremd ist, oder eher verschlossenen Altorthodoxen, die einen freudvollen Umgang mit dem Medium Briefmarke grundsätzlich abzulehnen scheinen.
Wer als Außenstehender die drei führenden deutschen Fachblätter (Deutsche Briefmarkenzeitung, Briefmarkenspiegel, Deutsche Briefmarkenrevue) durchsieht, den kann es durchaus schütteln angesichts der nicht selten anzutreffenden journalistischen Dürftigkeit der Aufbereitung und der wenig einfallsreichen Ausgestaltung der Themen. Es springt wahrlich kein Funke über. Das Stamp Magazine wirkt weitaus solider, ist aber sehr auf Großbritannien fixiert und wie überhaupt ausländische Fachzeitschriften in Deutschland kaum bis nicht erhältlich. Den Schritt in eine zeitgemäße Selbstdarstellung haben insgesamt nur sehr wenige Vetreter sowohl des Briefmarkenhandels wie auch der Philatelie bisher erfolgreich vollzogen. Auch hierin liegt eine Ursache für die geringe Popularität philatelistischer Themen.
Was der Zunft der Philatelisten in der öffentlichen Wahrnehmung ebenfalls leider generell abzugehen scheint, ist der intellektuelle Anspruch im Umgang mit den postalischen Medien, wie ihn Walter Benjamin pflegte und wie er durch die Postmoderne durchgewaschen durchaus in spielerischerer, aber genauso origineller und tiefgründiger Form auch heute noch möglich wäre. Dafür scheinen schlichtweg die Akteure zu fehlen. Selbst bei großer Fantasie ist schwer vorstellbar, woher sie kommen sollen. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Briefmarke entgegen der Prophezeihung Benjamins überlebt und auch 15 Jahre Internet haben den Brief, die Postkarte und die nassklebende Marke nicht verschwinden lassen. Aber: Erreichte den Hof mit Müh und Not – möchte man sagen. Denn das, was heute sieht, wirkt nur mehr als Nachhall. Schade. Und Grund genug nassklebend zu frankieren und Handstempel am Schalter einzufordern, solange die Möglichkeit dazu besteht. Als lebensverlängerende Maßnahme also für einen der schönsten kulturellen Anachronismen, der uns aus dem 20. Jahrhundert überliefert ist. Und vielleicht auch im Andenken an einen der größten Kulturtheoretiker Europas.
Sowjettourismus 1966: Das Hotel Itkol im Kaukasus
Im aktuellen Beitrag des Soviet Postcards Weblog fällt ein Element unter den Tisch: Die Briefmarke auf der dritten vorgestellten Ansichtskarte des Moskauer Schwimmbads. Während bei der Karte noch über die Jahreszeit mutmaßt, positioniert sich die Briefmarke eindeutig in der Winterzeit. Bei der Höhenlage nahe des Elbrus verwundert das nicht: das Hotel Itkol (Иткол) ist in ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel im Skigebiet des Cheget (Чегет) mitten im Kaukasus gelegen, dessen Gipfel sich immerhin auf 3650 Meter hochkämpft. Die Darstellung auf der Briefmarke gibt dies nur bedingt in passender Relation wieder. Der комплекс ist in etwa dort gelegen, wo man tatsächlich auch heute noch vom Ende der Welt spricht. Dass sich das architektonisch im funktionalen Stil der 1960er mit der kleinen Extravaganz des Berghütten referenzierenden Beibaus erbauten Hotelkomplexes auf einer Briefmarke findet, lässt durchaus darauf hindeuten, dass die Sowjetunion in den 1960er Jahren ganz international ausgerichtet auch die Stilistik des damaligen Reisenkonsumkultur aufgriff. Ausgegeben wurde die Marke am 20. Juli 1966 in einem Satz zum Thema Feriengebiete.
Überhaupt ist das Ausgabeprogramm des Jahres 1966 sehr weitgefächert und eines eigenen Beitrags wert. Im Zentrum stehen die Internationalisierung, der technische Fortschritt, ruhmreiche Militärgeschichte, etwas Kulturgut, viel Raumfahrt und eine große Kiste des allgemeinen Symbolschatzes der Sowjetpolitik.
Im Januar begann man mit einem Satz zu Internationalen Kongressen, die in diesem Jahr in der Sowjetunion stattfinden sollten (z.B. dem 13. Internationalen Geflügelzuchtkongress in Kiev). Weiterhin gab es zwei Marken zum 200jährigen Bestehen der Dimitroff Porzellanfabrik und eine zur Würdigung des französischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Romain Rolland. Ende Januar (Am 31sten) wurde das 20jährigen Bestehen eines Freundschaftsvertrags zwischen der UDSSR und der Mongolei mit einer in der passenden Ornamentik gehaltenen Marke begangen, wobei die dort abgebildete Reiterfigur am 05. Februar mit der Ausgabe zur ersten weichen Landung auf dem Mond – nämlich der von Luna 9 im Oceanus Procellarum (leider nicht passend: Porcellanum) – (stattgefunden am 03. Februar 1966) kontrastiert wird. Da war er also wieder, der sowjetische Vorsprung im Wettlauf ins All.
Expeditionen gab es auch auf der Erde zu feriern und zwar neun Tage später mit den dreieckigen Sonderausgaben zu den sowjetischen Antarktisexpeditionen. Auch hier wurde Terra Incognita erobert, z.B. mit eine Reihe von Forschungsstationen im ewigen Eis - und die Eroberung postalisch aufbereitet. Damit man aber nicht vergaß, wen man diesen Fortschritt verdankt, gab es kurz darauf die obligatorische Lenin-Briefmarke, diesmal zum 96ten Geburtstag, sowie einen Satz mit militärischen “Helden der Sowjetunion”. Auch der 23ste Kongress der KPdSU, bei dem man unter dem Generalsekretär Leonid Breschnew zu einer härteren Gangart zurückfand, erhielt pünktlich zur Eröffnung am 29.02. seine Sondermarke. Zu seinem Ausklang im März erschien dann noch ein rot-silberner Gedenkblock in klassischem sozialistischen Repräsentationsdesign. Zwei weitere Marken im Februar würdigten Kinofilme. Als gestalterisch interessanter präsentiert sich die Sonderausgabe zur Ständigen Versammlung der All-Unionsphilatelisten, die die Allunionsausstellung und Lenin schön aufeinander blendet. Die Dreieckformkehrte kehren zur Emission anlässlich der Winterspartakiade in Sverdlovsk wieder, der Satz zu den zeitgenössischen Verkehrsmitteln und -wegen erscheint dagegen wieder in schlichter rechteckiger Einfachheit.
Was gab es noch im ersten Quartal 1966 zu feiern und mit Briefmarken zu bedenken? Da wäre der 40ste Jahrestag der ASSR Kirgisien, die tiefrot das Sowjetgebäude in der Hauptstadt Frunse (heute Bischkek) mit orientalisierender Rahmung zeigt. Ebenfalls gewürdigt wird Sergei Kirow, dessen Ermordung im Dezember 1934 als der Startschuß für das politische Säuberungswüten Stalins gilt. An seiner Seite gedachte man 1966 philatelistisch Grigori Ordschonikidse, einst Volkskommissar für Schwerindustrie, im Februar 1937 tot in seiner Wohnung im Kreml aufgefunden wurde, was damals die ganze Sowjetunion erschütterte. Offiziell wurde sein (wahrscheinlicher) Selbstmord in einen Herzinfarkt umgedeutet und auf dem Titelfoto der Pravda, das den aufgebahrten Ordschonikidse umringt von Stalin, Molotow, etc. zeigt, ist die Schussverletzung, mit der er wohl gefunden wurde, auch nicht zu sehen. Den Oktoberevolutionär und 1937 im allgemeinen Furor mitsamt Frau und Verwandschaft exekutierten Iona Jakir gab es als dritten im Bunde am Briefmarkenschalter.
Nach drei Opfern der 1930er Jahre feierte man am 30 .März vier sowjetische Naturwissenschaftler aus den boomenden Disziplinen Mineralogie, Mikrobiologie, Physik und natürlich Polarforschung. Da Luna 10 mittlerweile auch im Orbit war, gab es Anfang April die nächste Raumfahrtausgaben. Die restlichen Ausgaben (inklusive einer zu Ehren Ernst Thälmanns und einer zu Ehren Wilhelm Piecks sowie zum Sieg des sowjetischen Eishockey Nationalteams bei der Weltmeisterschaft in Ljubljana müssen allerdings aus Zeitgründen ein anderes Mal referiert werden. Wie gesagt: In ihrer Spannung und ihrem Aufschlußreichtum ähnelt die sowjetische Philateliegeschichte durchaus der Ansichtskartenhistorie.
Jetzt soll jedoch der Blick noch einmal zurück auf die schönen Tourismus-Marke fallen, auf der die Kiefern und mehr noch die Limousine – schätzungsweise ein Tschaika GAZ 14 – begeistern.

Briefmarke Tourismus
Vorder- und Rückseite der Ansichtskarte, die von Moskau nach Prag 9 (Vysočany), also an östlichen Stadtrand, in eine kleine Straße namens Zbuzkova unweit der dortigen Bahnstation lief, sind auf sovietpostcards abgebildet. Eine händische Datierung ist auf die Karte nicht aufgebracht, der – leider etwas verschmierte – Poststempel datiert auf den 04.10.1966. Die Stempelung erfolgte in Moskau und umfasst neben dem Ortsstempel auch einen Beistempel “международные” = international. Vielmehr lässt sich auf die Schnelle nicht ablesen und somit soll es mit dieser kurzen Betrachtung auch genug sein.
Le Pont und Geneve: Zwei schöne Stempel aus der Schweiz.
Man kann Jura auch einzig vor dem Hintergrund der Gesetze der Natur studieren. Beispielsweise wenn man ins Vallée de Joux reist, im winzigen Weiler Le Pont am Ufer des Lac de Joux eventuell kurz im Restaurant du Lac einkehren und dort von der Freiterrasse aus den Enten zuschauen, wie sie um das Ruderboot, das auf dem schmalen Uferstreifen liegt, herumwatscheln. Nebenbei lässt sich gut eine Ansichtskarte schreiben, mit der 1,30 Franken-Marke aus dem am 08. Mai ausgegebenen Satz “Alte Bäume” frankieren und die mit der Trauerweise beklebte Karte dann vielleicht hundert Meter weiter gleich hinter der Boulangerie in den etwas angestoßenen Briefkasten werfen. Im Ergebnis wird die Karte sehr schön gestempelt und ins ferne Deutschland befördert, auf dass sich der Empfänger an diesem Anblick erfreut:

Briefmarke Trauerweide mit Stempel aus Le Pont
Die Marke folgt dabei einem Gemälde des Künstlers Reinhard Fluri aus der nun wirklich winzligen Gemeinde Halten SO, also im Kanton Solothurn gelegen, die mit einem schönen ritterlichen Wohnturm aufwartet, in dem sich das Heimatmuseum des Bezirks Wasseramt befindet. Wer sich intensiver mit der helvetischen Philatelie der letzten Jahre befasst, dem dürfte Reinhard Fluri als Gestalter schon öfter begegnet sein, so beispielsweise bei den Märchenmarken aus dem Jahr 2007. Am obigen Beispiel freut man sich aber fast mehr über die im Vergleich zum deutschen Postalltag sehr sorgfältige Stempelung, wobei der Stempel mit einem wunderbaren Regionalbezug aufwartet und das Tal schmuck würdigt. Ortsname, Postleitzahl, Datum – alles gut lesbar. Selbiges gilt auch für die Stempelung eines Grußes, der aus dem vielleicht 70 Kilometer von Le Pont gelegenen Genf.

Einheimische Vögel 2008: Steinrötel, gestempelt in Genf
Die selbstklebende Briefmarke aus der Dauerserie Einheimische Vögel zeigt den Steinrötel (Monticola saxatilis). Der Erstverwendung der Marke mit dem blauköpfigen Vogel, der einst auch Pfälzische Weinberge bevölkerte, mittlerweile aber leider aus Deutschland so gut wie verschwunden ist, fiel auf den 08. Mai 2008. Wenn man die hier aufgebrachte Stempelung betrachtet, fühlt man sich besonders angesichts der Tatsache berührt, dass der erste Schweizer Poststempel vor 320 Jahren (also 1689) ebenfalls in Geneve auf eine Sendung gedrückt wurde.
So liegt nun die Ausbeute dieses Briefmarkentages auf dem Tisch und stimmt fröhlich für den Abend, der auch die Kolorierung der mangels Scanner nur abfotografierten Poststücke dominiert.
Die Post im P+. Der aktuelle Lektüretipp.
“Die Post ist da!” – Jawohl, und zwar in einem sehr schönen und lesenswerten und bisher nirgends online auffindbaren Artikel in der aktuellen Ausgabe der zumeist ganz wunderbaren Zeitschrift P+. Im Magazin aus der Mitte Europas – so der Zusatz zum Zeitschriftentitel – beschreibt die Autorin Maria Luft einerseits einen kürzestgeschichtlichen Abriss der europäischen Postgeschichte, den all diejenigen lesen sollten, die binnen 10 Minuten verstehen wollen, warum die Postbeförderung so aussieht, wie sie eben bis heute aussieht. Und sie formuliert punktgenau, warum die physische Postsendung auch heute noch fasziniert:
“Postkarten haben oft einen langen Weg hinter sich, wurden gekauft, geschrieben, frankiert, abgeschickt. Sie sind durch viele Hände gegangen, haben mehrfach Grenzen passiert und das Transportmittel gewechselt. Zuhause bei uns kommen sie an die Pinnwand oder liegen herum, bis sie im Papierkorb landen – oder vielleicht doch in einer Sammlung? Jemand hat auf der anderen Seite der Erde oder sonst wo an uns gedacht: Das allein ist eine angenehme Vorstellung, Freude, auch Trost – und die Karte mit der Ansicht, Adresse, Briefmarke und Stempeln fast ein historisches Dokument.”
Oft subjektiv und mitunter auch objektiv nicht nur fast. Das kleine Hohelied auf die Postkarte im Zeitalter der elektronischen Nachrichtenübermittlung zählt jedenfalls zu einem schönsten Texte über die Briefkultur, die einem dieses Jahr publiziert wurden. (Luft, Maria: Da geht die Post ab! Über das Europäische Postwesen. In: P+. 10/2009. S. 88-90. )

Der Eckenknick. Die maschinelle Verarbeitung von Poststücken geht äußerst Hand in Hand mit dem philatelistischen Anspruch an eine sorgfältige Stempelung und Zustellung. Das Briefzentrum 10 macht da keine Ausnahme, weswegen es sich empfiehlt, sofern möglich, einen Schutzstreifen an den Briefmarken zu lassen. Den hat es im obigen Beispiel nämlich tüchtig aufgefaltet (und auch die Ecke der Karte wurde gut ramponiert). Man mag sich kaum ausmalen, wie die schöne Gallimarkt-Marke ohne den schützenden Eckrand aussähe... Das so mögliche Lichtspiel immerhin ist sehr interessant.
72 Jahre und zwei Tage: Aktuelle Postzustellungserfahrungen in Frankreich und Deutschland
Eine schöne Meldung der Agence France-Presse lief gestern durch die “Vermischtes”-Spalten der Tages- und Internetpresse: Eine Postkarte benötigte aus dem Postverteilzentrum ins ca. 20 km entfernte Monaco gute 72 Jahre. Die Meldung informiert, dass der einfache Gruß eines J.A Achiardi mit einem lockeren “Bon souvenir” dessen Verlobte, gar nicht, den Bestimmungsort aber dieser Tage erreichte. Abgeschickt wurde die Karte am 11. August 1937, also dem Todestag von Edith Wharton, was in diesem Fall nichts weiter bedeutet. Außer eben, dass der Kartengruß erst im August 2009 40 Jahre nach dem Tod der Empfängerin eintraf.
Die deutsche Post des Jahres 2009 transportiert in der Regel etwas schneller. Allerdings ist dieser Tage gerade bei überregionalen Sendungen weit hinter ihrer Vorgabe, den Großteil ihrer Briefe am nächsten Tag beim Empfänger in den Kasten zu legen. Zitat: „Mehr als 95 Prozent aller Briefe innerhalb Deutschlands erreichen den Empfänger am folgenden Werktag.“ In den letzten Woche lag – so auch die eigene Erfahrung – die Quote nahe null: Von genau 6 Sendungen, die zwischen Montag, den 24. August und Montag, den 31. August in Berlin (vor der angegebenen Leerungszeit) in verschiedenen Berliner Briefkästen eingeworfen wurden, erreichte keine ihr Ziel in Südwestdeutschland am nächsten Tag. Eine Sendung von vor zwei Wochen ist noch immer verschollen.
Insofern ist der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom letzten Sonntag sehr nah an der Post-Realität des Sommers 2009: Mit der Deutschen Bummel-Post.
Aktuelle Stempel: Briefzentrum 03 & 04
Zwei Stempel aus zwei Briefzentren liegen heute auf der Postkiste. Einerseits liefert das Briefzentrum 03 aus Cottbus eine schöne Karte seines Einzugsbereiches inklusive des Cottbusser Postkutschers, der sich jedoch nicht mit seinem Putzmitteln am Cottbusser Postkutschkasten zu schaffen macht, sondern die Cottbusser Postkutschpferde vorgespannt seine Cottbusser Postkutsche durch das Cottbusser Postgebiet ziehen lässt. Auffällig ist am Beispiel, dass das Briefzentrum die Ansichtskarte auf der Ansichtsseite und dort am Rande gestempelt hat. So hängt der Postkutscher buchstäblich in der Luft und fährt ins Blaue hinein.
Durchlief der erste Beleg die Sortiermaschinen eines eher kleinen Briefzentrums, rauschte das zweite durch die der größten derartigen Stempelstraße in Ostdeutschland. Während man beim ersten die Briefmarke gänzlich schonte, knickte man im Briefzentrum 04 (Schkeuditz) eher robust die obere linke Ecke der Vogelschutzwartenmarke zur Empörung jedes Philatelisten, d.h. zum Eselsohr. Der halbwegs sammelnswerte Begleitstempel verweist auf die Ausstellung zum 600sten Jubiläum der Universität Leipzig, die den nicht unbescheidenen Anspruch “Erleuchtung der Welt” trägt und vom Argentinischen Nationalfeier- bis zum Nikolaustag dieses Jahres in Leipziger Stadtgeschichtlichen Museum besucht werden kann.



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